Der Herbst ist da und mit ihm unvermeidbare Umbrüche in Unternehmen. Sowie viele, viele Reden zu Rettungsversuchen und Reformen. Passend dazu: die Top Ten der schlimmsten Floskeln, Phrasen, Platituden, wie sie Agenturmenschen gerne ihren Auftraggebern in die Ansprachen schreiben.

FKK? Freikörperkultur? Denkt die pikierte Leserin und der aufmerksam gewordene Leser an von Helios beschienene Hüllenlose, die ihre mal von Kalorien, mal von Kilogewichten geformten Körper in speziellen Gemeinden der freien Natur aussetzen?
Echt jetzt? So etwas traut man mir zu, mir, Buddy Müller, Senior Project Supervisor der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands?
Ich muss doch sehr bitten!
FKK: Die Abkürzung steht für „Führungskräftekodes“, für Schlüsselsätze und Floskelformulierungen, die anderes bedeuten als sie gemeint sind und die gerade wieder, im Unterschied zur deutschen Wirtschaft, ungebremste Hochkonjunktur haben.
„Kode“ ist dabei nicht nur die zulässige, wenn auch alte Rechtschreibung, die, zugegeben, eine Hingucker-Headline erst möglich macht, sondern auch …
„Sondern auch von besonderer Bedeutung in der Soziolinguistik“, ergänzte mein schlaues Notebook Brad MacCloud vom Clan der MacClouds.
Nämlich sei, so Brad weiter, ein Kode eine sozial determinierte Sprechvariante . Oder, übersetzt für Führungskräftefloskeln, dass die Chefs und Bossinnen in einer Sprache kommunizierten, die für Teile ihres Unternehmens, im häufigen Fall sogar das gesamte, nicht verständlich sei.
„Viele Veränderungen scheitern nicht an der Idee.“, sagte Brad. „Aber an der Sprache.“
Schöne Worte zum Scheitern
Definitiv liegt es an den FKK.
Wenn wir jetzt jemand nackig machen, dann sind das jene, denen wir Agenturmenschen gerne vorschreiben, was sie vorreden sollen, die Bosse, die Chefinnen, die Vorstände, die Aufsichtsrätinnen.
Zeiten der Veränderungen, wie sie in vielen Unternehmen angebrochen sind, Zeiten, die von radikalem Arbeitskräfteabbau gezeichnet sind, solche Zeiten erleben viele Worte, nicht unbedingt klare, für die ganze Armeen von Agenturmenschen gut bezahlt werden. Da geht es nicht wirklich um Ideen, um Visionen, um Klarheit, um Veränderung zum Besseren – da geht es darum, möglichst unbehelligt vom Podium wieder runterzukommen.
„Meist auch unverstanden von den Zuhörern“, sagte Brad.
„Höchste Zeit also für eine Übersetzungshilfe“, sagte ich und nahm zur Stärkung einen Schluck von meinem Lungo Tampeko aus unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens.
Ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor usw. usf., präsentiere hier mit Brad MacCloud vom Clan der McClouds die aktuell schlimmsten Floskeln und Phrasen der Veränderungskommunikation – sowie ihre eigentliche Bedeutung.
1. „Wer die Vergangenheit nicht versteht, kann die Zukunft nicht neu erfinden.“
Ein Blick zurück, ein Blick nach vorn: Gibt es einen besseren Einstieg in eine Rede vor der versammelten Belegschaft? Damit gelingt ein geschickter Brückenschlag von zurückliegenden, meist unangenehmen Entwicklungen hin zur Einstimmung auf das, was in der Zukunft an meist nicht weniger unangenehmen Dingen zu tun ist.
Klartext: So richtig haben wir es auch nicht verstanden, was dieses Unternehmen in die Schieflage gebracht hat. Aber dass wir künftig auch nur an altbekannten Stellschrauben – Ausgaben, Personal, Prozesse – drehen werden, verkaufen wir euch als etwas ganz Neues.
2. „Wandel ist eine Chance, keine Bedrohung.“
Natürlich, es ist eine Frage der Perspektive, von welchem Ende man auf den Wandel schaut. Ist es das Ende des Karrierewegs, dann kann der Wandel durchaus zur Drohkulisse mutieren. Diese Phrase ist trickreich, denn sie stempelt jeden, der Veränderung nicht als Chance sehen will, zum Angsthasen ab. Wer will sich schon als Schisser outen?
Tipp: Mach diesen Satz zu deinem Mantra; wiederhole ihn unablässig, bevor du vor deine Mitarbeitenden trittst. Vielleicht glaubst du selbst einmal dran.
3. „Jede Transformation ist eine Reise.“
Wo die Chance ist, ist die Reise nicht weit. Kaum eine Rede kommt ohne sie aus, denn eine Reise verheißt positive Erlebnisse, Abenteuer und ein festes Ziel vor Augen. Wegen des Ziels bzw. des Zieleinlaufs wird diese Phrase auch gerne gemischt mit „Jede Transformation ist ein Marathon, kein Sprint“. Bildhafter kann man anstrengende Bewegung kaum darstellen. Auch kaum abgenutzter.
Reisetipp: „Ich bin dann mal weg“ wird zum Bekenntnis vieler Mitarbeitenden, denen künftig statt des Wegs zum festen Arbeitsplatz nur noch etwa der Jakobsweg als meditativer Ausgleich bleibt.
4. „Wir nehmen in der Veränderung alle mit.“
Dies ist die unternehmensfähige Variante von der aus Actionfilmen sattsam bekannten Parole „Wir lassen keinen zurück“. Aber wie im Actionfilm kennt auch das Leben nicht für alle ein Happy-end. Irgendjemand, meist gar nicht wenige, beißt immer ins Gras.
Klartext: Keiner will alle mitnehmen. Wo bliebe denn sonst der Change, mit dem sich ein börsenwirksamer Sparkurs aufsetzen ließe? Für die, die bleiben dürfen, also mitgenommen werden, bedeutet der Satz: Wir lassen uns einiges an Motivationskampagnen einfallen, um euch auf Höchstleistung zu bringen.
5. „Wir sind mit unserer Strategie auf einem sehr guten Kurs.“
Der Kurs an sich ist gut, vielleicht auch das Ziel, was aber alles auf der Strecke liegt oder auf der Strecke bleibt, wer weiß das schon genau? Wer will sich wirklich danach richten, wenn die Maschinen unter Volldampf laufen? Der Brite Edward John Smith hätte der Urheber dieses sattsam bekannten Satzes sein können. Wäre er nicht als Kapitän der Titanic mit ihr 1912 untergegangen.
Start-up-Variante: „Der Markt hat unser disruptives Potenzial noch nicht vollständig erkannt. Deshalb investieren wir weiterhin gezielt in Wachstum und Skalierung.“ Heißt: Wir machen weiterhin Verluste. Bis wir Insolvenz anmelden.
6. „Wir müssen wieder unternehmerisch denken.“
Unternehmenslenker, denen – Nomen est Omen – das unternehmerische Denken und Lenken im Blut liegen müsste, täuschen mit der Selbsterkenntnis schonungslose Selbstkritik vor. Nicht selten geht diese einher mit dem Appell, man müsse Bürokratie abbauen. Selbstverständlich nur jene bürokratischen Regeln, die der eigenen Zielsetzung, wieder unternehmerisch zu denken, im Weg stehen.
Umsetzungs-Tipp: Zusätzliche Freigaberunden, mehr Stabsstellen für Effizienz sowie eine höhere Anzahl an internen Workshops und Workarounds verankern bei den Mitarbeitenden den Wunsch nach „Mehr Markt, weniger Staat“ effektiver und nachhaltiger denn je.
7. „Wir verkaufen künftig Lösungen, keine Produkte!“
Ein Apell, der direkt der Strategiepräsentation eines Unternehmensberaters entsprungen sein könnte. Das Schöne an ihm: Er ist nicht marktsensibel, also, der Satz, nicht der Berater, dem ohnehin jegliche Sensibilität fehlt. Egal welche Branche, egal welches Produkt: Mit nicht näher definierten Lösungen, die künftig verkauft werden sollen, wird strategischer Durchblick und wirtschaftliche Dynamik simuliert.
Für die Seele: Ersetze „Lösungen“ durch „Emotionen“. Damit wird ein gefühlvoller Umgang mit einer desaströsen Wirtschaftslage beschworen und der Weg geebnet für weitere, den Wandelbegleitende Begriffe wie „Narrativ“, „Botschaften“ oder „Storytelling“.
8. „Die Marke muss gerettet werden.“
Die Marke ist ein heiliger Hort, ein güldener Gral, ein Gefäß der Gefühle all jener, die für die Marke geschuftet haben und sie damit groß machten, und all jener, die die Marke kauften und sie damit auch groß machten. Die Marke ist ein Metaphern produzierender Mythos, sie steht unberührbar, unveränderbar unter Natur- oder unter Denkmalschutz, weswegen sie in keiner Rede zu Veränderungen fehlen darf, um die Herzen der zu Verändernden zu erreichen.
Klartext: Natürlich muss die Marke gerettet werden – die Marke, aber nicht die Produktionsstandorte. Letzten Endes ist es völlig gleich, ob die Marke in Portugal oder Polen, in Island oder Indonesien produziert wird. Hauptsache sie bleibt.
9. „Agilität ist unser neues Mindset.“
Hohe Fremdwortdichte, nebulöse Botschaft – was für ein Satz! Ein Hoch dem, in dessen Geist sich Agilität festsetzt. Nicht selten folgen Altersteilzeitangebote auf dem Fuße, um möglichst vielen zu ermöglichen, so früh und so agil wie möglich in den Vorruhestand zu gehen.
Lese-Tipp: Führungskräften, die agil denken, unterstellt man gerne, dass sie keinen Plan haben, aber dass ihre Ansagen jetzt nach Absicht klingen. Dann werden sie zu Group Change Officers ernannt. Was aber Agilität, eine von der Softwareentwicklung gemopste Managementmethode, wirklich bewirken kann, steht hier.
10. „KI gefährdet keine Arbeitsplätze.“
Niemand, der heute eine Rede schwingt, kommt an Künstlicher Intelligenz vorbei. KI-Einsatz steigert die Effizienz, KI-Einsatz erhöht die Produktivität, KI-Einsatz katapultiert die Kreativität in bisher unerreichte Höhen. Dieser Höhenflug generiert oft weitere Phrasen wie „Wir bringen uns vor die Welle“ oder „Wir kommen zurück an die Spitze und darüber hinaus“. Sicher immer dabei: „KI gefährdet keine Arbeitsplätze“.
Übersetzung: Korrekt muss es heißen: „KI gefährdet keinen Arbeitsplatz – außer Ihren!“ Was KI für das 21. Jahrhundert ist, war die Erfindung der Dampfmaschine für das 19. – damals wie heute von viel heißer Luft begleitet. Natürlich kostet KI jede Menge Arbeitsplätze. Manche Berufe werden komplett verschwinden. Moment mal … Ich glaube, Agenturmenschen sind davon gerade auch ziemlich betroffen.
11. Bonusfloskel: „Es ist nichts Persönliches.“
Zu guter Letzt: Dies ist der im Unternehmensumbruch wohl am meisten genutzte Satz. Nicht in großen Reden, geschwungen vor der gesamten Belegschaft. Sondern im One-to-one, Aug‘ in Aug‘ mit einem Mitglied eben jener Belegschaft, die es im Rahmen der Transformation zu reduzieren gilt. Der Satz tritt nie allein auf, wenn einem Kollegen oder einer Kollegin die Kündigung ausgesprochen wird. Ein ebenso Unheil verkündender Bruder ist „Wir haben uns diese Entscheidung nicht leicht gemacht.“
Übersetzung: Natürlich ist es was Persönliches. Zumindest in dem Sinne, in dem die Führungskraft, die kündigt, über sich selbst als Person nachdenkt. Meist ist sie froh, nicht auf dem Stuhl ihres Gegenübers zu sitzen, wohl wissend, dass es auch einmal für sie selbst so weit sein wird. Aber da ist es ja noch lange hin. Hoffentlich.
Humanoide und ihr Humbug
Ich lehnte mich zurück und nahm wieder einen Schluck von meinem Lungo Tampeko.
Er war kalt geworden.
Ich betrachtete die Zeilen auf dem Schirm.
„Ich glaube, Brad, das war‘s jetzt“, sagte ich.
„Fürs erste, sicher“, sagte Brad MacCloud.
Er sei zuversichtlich, fuhr mein Notebook fort, dass uns Humanoiden der Humbug niemals ausgehen werde. Das gelte für Politik, für Wirtschaft, für unser Zusammenleben, überall, das sei schon immer so, mindestens schon sehr, sehr lang. Jede neue Krise habe ihre Beschöniger, die die erforderlichen Gegenmaßnahmen in einem besseren Licht darstellen würden – und sich wohl gleich mit.
„Denk allein an den Begriff der Floskel“, sagte Brad. In ihrer ursprünglichen Bedeutung leite sich Floskel, vom Lateinischen „flosculus“, dem Blümchen, ab, das im 18. Jahrhundert in der deutschen Sprache zur Wortblume erblühte und Unangenehmes leichter rezipierbar machen sollte.
„Wäre es dann nicht gut, einen Floskel-Finder zu entwickeln?“, fragte ich. Ein Gerät, eine App, was auch immer, Hauptsache die leeren Wortgebäude würden auf ihren Gehalt hin abgeklopft. Der Detektor würde fehlerfrei Phrasen aufspüren, wenn leere Versprechungen in den Raum gestellt, Anglizismen aufgeblasen und vage Andeutungen statt konkreter Aussagen angeführt würden.
„Inhalt statt Hohlsprech.“, sagte ich. „Weg von Führungskräftekodes hin zur Führungskräfteklarheit. Es könnte so einfach sein.“
„Allerdings“, sagte Brad. Es wäre am besten, der Hohlsprech entstünde erst gar nicht. Brads Kameraauge glühte mich durchdringend an.
„Diese Aufgabe bleibt wohl Euch Agenturmenschen überlassen.“
Welche Erfahrungen mit Prachtexemplaren der unermüdlich arbeitenden Phrasendreschmaschine haben die aufgeschlossene Leserin und der aufmerksame Leser gemacht? Schreibt sie gerne in die Kommentare – eine Fortsetzung dieser Episode folgt auf dem Fuß.
Last but not least eine letzte Anregung: Der amerikanische Philosophieprofessor Harry G. Frankfurt ist der Autor von „On Bullshit“. Seine Wutschrift aus dem Jahr 1986 avancierte als Büchlein ab 2005 zum Weltbestseller. Rezensenten feiern es bis heute als unverzichtbares Grundlagenwerk der angewandten Floskelforschung.
Herrlich!
Schwingt da etwa ein Hauch von subtilem Betroffenheitsjournalismus mit? So fein dosiert, dass selbst die Betroffenheit nicht weiß, ob sie davon betroffen ist.
„Das wird schon.“ (Erklärt zwar überhaupt nichts, klingt aber erstaunlich beruhigend.) Damit wäre eigentlich schon alles gesagt. Wie man so schön sagt.
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Lieber Buddy,
der Umweg über FKK ist ein hinterhältig guter Einstieg – man rechnet mit Nacktbadestrand und bekommt Bullshit-Bingo, und beide Sorten Enthüllung sind am Ende ähnlich unbequem anzusehen.
Am meisten hängen geblieben ist bei mir trotzdem ein Nebensatz: dass sich »Floskel« von »flosculus« ableitet, dem kleinen Blümchen, das im 18. Jahrhundert zur Wortblume erblühte, damit Unangenehmes leichter durch die Kehle geht. Das wusste ich nicht, und jetzt werde ich den Gedanken nicht mehr los – diese Sätze duften alle so gepflegt und tragen so wenig, sobald man sie anfasst, weil sie genau dafür gezüchtet wurden.
Zu Deiner Schlusspointe möchte ich noch folgendes loswerden: Brad meint, am besten wäre es, der Hohlsprech entstünde erst gar nicht, und schiebt die Aufgabe dann Euch Agenturmenschen zu. Elegant, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob das auch fair ist. Schließlich bezahlt niemand eine Agentur dafür, die Wahrheit unverblümt aufzuschreiben – bezahlt wird die Verblümung selbst. Ihr sollt also aus freiem Antrieb das Gegenteil von dem leisten, wofür man Euch engagiert. Vielleicht liegt die eigentliche Volte des Textes genau darin: Du entlarvst ein Geschäftsmodell, an dem Du selbst mitverdienst, und lachst dabei am lautesten. Übel nehme ich Dir das nicht, im Gegenteil, das macht die Sache erst richtig doppelbödig.
Diese Übersetzungsübung ließe sich mühelos auf andere Institutionen übertragen, die ebenfalls lieber kodieren als klartexten. Über einen Satz, der seit vierzig Jahren als Beruhigungsmittel dient, habe ich neulich selbst geschrieben – »Die Rente ist sicher«. Auch der ist streng genommen wahr und meint doch etwas anderes, als er verspricht: Sicher ist nur, dass es sie gibt, nicht, wie viel davon am Ende übrig bleibt. Wie weit FKK auch außerhalb der Agenturwelt reicht, steht, einen Klick auf meinen Namen entfernt, ziemlich ausführlich.
Nummer zehn hat mich am meisten zum Auflachen gebracht, auch wenn ich nicht ganz wusste, ob ich lachen oder schlucken sollte: Die Warnung, KI gefährde keine Arbeitsplätze, kommt am Ende ziemlich direkt bei den Agenturmenschen selbst an. Brad zitiert fleißig Wikipedia, wenn es um Bernstein-Hypothesen oder Blümchen geht, bleibt bei der eigenen Zukunft aber auffällig vage.
Auf die Fortsetzung, hoffentlich tatsächlich auf dem Fuße
Ron
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