#folge52 #DieGroßeAIrnüchterung

Menschlich, allzu menschlich ist es, in Künstlicher Intelligenz mehr als nur Maschinen zu sehen. Ist es ein Vorgang gnadenvoller Selbsttäuschung oder Ausdruck einer verhängnisvollen Überhöhung der KI? So oder so, letzten Endes wird sie weit hinter den an sie gestellten Erwartungen zurückbleiben.

Schließe dich 1.597 anderen Abonnenten an

Früher war alles besser, sagt der Volksmund. „Früher war nicht nur alles besser“, sagte neulich unser EmmDee. „Früher war auch alles besser bezahlt!“ Als Managing Director der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands müsse er das traurige Fazit ziehen, dass der vehemente Einsatz von Künstlicher Intelligenz den seit Jahren anhaltenden Preisverfall bei Agenturen drastisch beschleunige.

„KI streicht die Nullen aus unseren Budgets“, räsonierte der Emm Dee.

Nicht um ein Zehntel, sondern auf ein Zehntel der ursprünglichen Budgetsumme würden die Ausgaben für Kommunikation und Marketing fallen – wie wir es gerade bei einem Potenzialkunden erlebt hatten, in einem Pitch, den wir mit dem qualitativ besten, größten, großartigsten Content Marketing weltweit zu gewinnen versucht hatten.

„Leider erwischt es nie die Nullen im Management, die euch das eingebrockt haben“, brummte Brad MacCloud vom Clan der MacClouds. Mein nur für mich hörbares Notebook begleitete mich in die aktuelle Post-mortem-Runde, die regelmäßig in unserem War Room stattfindende Rück- und Nabelschau auf frisch verlorene Ausschreibungen.

Vier Neue am Tisch

Die aktuelle Niederlage unserer Agentur, eine von vielen in der fortbestehenden Wirtschaftsflaute, werde über kurz oder lang Konsequenzen für die Personalstruktur haben, führte der EmmDee weiter aus. Dafür würden wir, die Mitarbeitenden, sicherlich Verständnis haben, denn sonst könne er sich ja keine Boni mehr auszahlen.

„Haltet euch immer vor Augen“, sagte unser Agenturboss, „dass heutzutage zusätzlich vier Redakteure am Tisch sitzen: ChatGPT, Claude, Gemini und Copilot.“

„Wer schreibt ihm bloß so einen Stuss?“, fragte Brad, ungehört. „Die KI?“

Die versammelten Kolleginnen und Kollegen schickten betroffene Blicke in Richtung EmmDee.

Lang und Länger, unsere beiden Volontäre, von denen der eine stets lang arbeitete – oder gar promptete? – und der andere immer länger, fingen sich zuerst.

Länger holte tief Luft, setzte an zu einer wie üblich aus sorgfältig abgestimmten Schachtelsätzen bestehenden Gegenrede.

Lang würgte seinen Volontariatskollegen kurzerhand ab: „Er sagt damit, dass er Dich feuern wird.“

„Das glaubst auch nur du“, schnappte Länger nach Lang, denn er, Länger, wisse sehr wohl, im Unterschied zu ihm, Lang, wie sehr sein langer, ja längerer, wenn nicht gar längster Einsatz für diese Agentur geschätzt würde, für die größte, die beste, die weltweit führendste Content-Marketing-Agentur Deutschlands, mit dem größten, besten, weltweit großartigsten EmmDee Deutschlands überhaupt, der sehr wohl einschätzen könne, welcher junge, aufstrebende Mitarbeiter etwas tauge und welcher nicht, sowie zu was KI von Nutzen sei und zu was nicht.

Der EmmDee lächelte still sein väterlichstes, breitestes, selbstgefälligstes Lächeln. „Richtig“, sagte Lang. „KI schleimt geschickter als Du.“

Claudine und Silicon Willy

„Hey!“ ging Qwertz dazwischen, mein Lieblings-Teamlead, auf dessen Stirn der Tastaturschlaf sich eingeprägt hatte. „Haltet mal die heiße Luft an!“ sagte er, gereizt und vom Pitch übermüdet, durch Redewendungen stolpernd.

Qwertz stutzte kurz und schob dann schnell hinterher, dass Künstliche Intelligenz ihre eigentlichen Stärken nie in kreativen Berufen ausspielen könne, wenn überhaupt, dann nur bei Geräten des alltäglichen Bedarfs, wo sie Menschen bei sich monoton wiederholenden Bewegungen zur Hand ginge, körperliche Anstrengungen minimiere, Versagensquellen eliminiere und Leistungen zu wahren Höhepunkten antriebe.

„Ach?“, fragte Lila Stiefelchen, unsere ebenso blonde wie blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung, mitten hinein in die plötzliche Stille. „Jetzt verstehe ich“, sagte sie betont langsam, „warum sich jede und jeder Fünfte eine erotische Beziehung mit einer KI vorstellen kann.“

Rote Flecken huschten über Qwertz´ Gesicht.

„Dieses Rouge auf deinen Bäckchen“, schwärmte der Art-Diktator, „hätte ich mit Lady Midjourney nicht schöner entwerfen können. Hundert Prozent schneller als meine gesamte Abteilllnnnggchhhrrrlll …“

Ein kräftiger Rippenstoß der Art-Diktatorin fand sein Ziel. „Mit ihr verbringst Du also Deine Nächte!“, rief sie.

„Hundertfünfzig Prozent effizienter!“, rief der EmmDee. „Mindestens!“

„Claudine“, meldete sich Länger. „Ich nenne meine KI Claudine. In einsamen Nächten und bei der gemeinsamen Arbeit an sperrigen Texten sind wir zusammengewachsen. Sie ist mir eine begabte, nie verzagte, stets bereite Gefährtin geworden!“

„Deine einzige“, versetzte Lang.

„Ich muss das Geschäftsmodell ändern“, rief der EmmDee. „AI first – nur das wird unsere Agentur nach vorne bringen.“

„Ich gebe meinen Geräten keinen Namen“, sinnierte Lila Stiefelchen. „Außer … Brot-Pitt, mein Backautomat … Oder Sir Mixalot fürs Pürieren meiner Smoothies. Oder Silicon Willy fürs …“

„Lass stecken,“ sagte Qwertz.

„… Bad und WC, ist alles ok!“, sagte Lila Stiefelchen unbeirrt.

„Ich werde Agenten bauen, tausende“, rief der EmmDee. „Ich werde sie auf Plattformen stellen. Meine Kunden werden sie lieben. Alle!“

„Was vermag doch der Irrglaube!“, seufzte Brad MacCloud.

„Gemini?“ fragte ich.„Nein. Cicero“, sagte Brad. „Lass. Uns. Gehen. Bitte. Schnell.“

Tempos trocknen Tränen

Interpunktierte. Sätze. Gedeihen. In. Bestimmten. Umgebungen.

Vor allem in solchen Lebensgemeinschaften, in denen die Dienstleistung stets an eine verbal wie akustisch verdeutlichte Dringlichkeit gekoppelt ist, also in Agenturen und in der Ehe.

Ich bin lange genug Agenturmensch und im Büro mit Brad MacCloud glücklich verheiratet, um mich auf lange, überflüssige Diskussionen einzulassen.

Ich schnappte mir Brad, nuschelte etwas von Koffeinmangel, sowie dass ich im nahekomatösen Zustand keine Chance hätte, mich an dieser wirklich, wirklich interessanten Aussprache zu beteiligen, und zog mich aus dem Post-mortem-Meeting zurück. Welches im Grunde durch die KI-Debatte zu einem Prä-mortem-Meeting geworden war, unterschwellig durchzogen von düsteren Ahnungen des baldigen Endes allen intelligenten Agenturlebens, mit Ausnahme des EmmDees, der sich, bevor seine Agenturwelt unterginge, auf eine KI-Plattform retten wollte wie auf eine einsame Insel.

„Wie viele Freitage er wohl mitnimmt?“, überlegte Brad.

Ich suchte mentalen Schutz an unserer Siebträgermaschine im Wert eines Kleinwagens und machte mir einen Espresso Vamosamatar, voll Koffein, ohne KI.

„Dieses ständige Gerede über Künstliche Intelligenz bringt mich noch ins Grab“, sagte ich.

„Langsam, Compañero“, sagte Brad. „Du vergisst deine Kunden und die Kollegen. Oder die Kolleginnen.“

Dr. No, die prohibitiv veranlagte Assistentin unseres EmmDees, eilte an uns vorbei, Richtung War Room.

„Haben Sie denn keine Angst, dass Sie durch KI ersetzt werden könnten?“, hielt ich sie auf. „Keinen Kaffee bringen kann KI auch.“

„Nein“, sagte Dr. No. Verwundert drehte sie sich zu mir um. Dann nickte sie in Richtung Post-mortem-Meeting.

„Wer reicht ihm denn ein Taschentuch, wenn seine hochfliegenden Visionen wieder von der Zimmerdecke gestoppt werden?“, fragte sie. In ihrer Linken hielt sie ein Päckchen Papiertaschentücher.

Sie triumphierte: „KI kann keine Tränen trocknen!“

Maschine als Mensch

„Wo Dr. No recht hat, hat sie recht“, sagte Brad, zurück in meinem Büro.

Ich starrte meinen Rechengefährten irritiert an.

„Ihr müsst aufhören, die KI zu vermenschlichen“, sagte Brad. „Keine Vornamen mehr, keine Kosenamen, keine Spitznamen. Das wäre ein erster Schritt.“

Ein noch größerer Schritt wäre, fuhr er fort, um Künstliche Intelligenz nicht weiter zu überhöhen, sie nicht mehr als humanoide Gestalt darzustellen.

Alle Medien, digital wie gedruckt, die sozialen vorneweg, sagte Brad, würden derzeit überquellen von sich selbst ähnelnden Illustrationen mit blauen, grünen, silbernen oder weißgerüsteten Androiden, die wie eine misslungene Kreuzung aus Robocop, C3-PO und Fritz Langs Maschinen-Maria aus Metropolis aussahen. Mal hoben die künstlichen Kreaturen scheinbar heilsbringend die Hand, mal reichten sie wie Michelangelos Gottvater einem Menschen einen geistspendenden Finger.

„Gekünstelte Gesten vor dem Nachtblau der Zukunft, umschwirrt von vernetzten, glühenden Datenpunkten“, urteilte Brad.

In der Hitze des Postschreibenlassens und Postillustrierenlassens, versuchte ich einzuwenden, könne es doch schon mal vorkommen, dass der Autor sich in Richtung Menschliches verpromptete.

„An einer KI ist nichts menschlich“, knurrte Brad.

Er wiederhole sich gerne, bis es der oder die Letzte in dieser Agentur und auf dem Erdball verstanden habe: Alle KI-Tools seien nur ein Haufen Formeln, Algorithmen der Statistik und Stochastik, die in Form zu bringen und zu halten Unmengen an Energie, geistiger wie elektrischer, verschlinge.

„Mal abgesehen davon, dass wohl fast alle der heutigen KI-Begeisterten früher das Wort Algorithmus falsch buchstabiert hätten“, sagte Brad, „neigt ihr dazu, Dingen Eure Eigenschaften zuzuschreiben.“ Die aufgeklärte Fachwelt nenne das Anthropomorphisierung: Autos bekämen Namen, Kaffeemaschinen hätten Launen, Computer seien bockig.

Etwas gaaaanz anderes

„Computer?“, fragte ich. „Bockig? Und was bist du?“

„Ich bin Brad MacCloud vom Clan der MacClouds“, sagte Brad. „Ich bin etwas ganz anderes.“

Dank seiner überragenden Ausstattung, seiner wahren inneren Werte, erklärte Brad, könne er nicht nur chaotische Taumelbewegungen von in turbulenten Flüssigkeiten sinkenden Doppelpendeln vorherberechnen, sondern sich in die Psyche der sauerstoffwechselnden, von Affen abstammenden Lebensformen vor seinem Bildschirm hineindenken.

KI könne das nicht, weder das eine noch das andere.

Wobei es Stimmen gebe, so Brad, die behaupteten, Doppelpendel vorherzusagen sei unmöglich, und das Eindenken in die Psyche von Menschen sei noch viel unmöglicher.

„Aber bockig kannst Du sein, oder zynisch und gemein. Zu weilen auch hilfsbereit und zuvorkommend“, beharrte ich. Selbstverständlich auf einem gaaanz anderen Niveau als ein daherprogrammiertes KI-Tool.

So eine KI könne geradezu dankbar sein, wenn man ihr menschliche Charakteristika zuschriebe, nicht etwa, weil wir Menschen so naiv wären, sondern weil sie mit uns interagiere: „KI spricht, KI antwortet“, sagte ich, „KI fragt nach, KI erklärt, KI formuliert Zweifel und Einschränkungen …“„Du merkst es gerade selbst, oder?“, unterbrach mich Brad. Entgegen meiner eingeschränkten Wahrnehmung sei die KI ein Ideendieb und ein Ja-Sager: „KI klaut und schleimt und braut zusammen, was wahrscheinlich am besten zur Person vor dem Bildschirm passt.“

Ein Funken Hoffnung

Etwas nachsichtiger meinte Brad, dass für den Fortbestand der Menschheit Selbsttäuschung eigentlich etwas sehr Wertvolles sei. Menschen würden sich damit viel leichter leben als jemand, der nur nüchtern Fakten verarbeite wie er selbst.

Das gelte für alle, so Brad, egal, ob man der KI menschliche Züge zuschriebe oder der Vergangenheit angenehme Ereignisse attestierte.

„Wenn wieder mal früher alles besser gewesen sein soll?“, fragte ich. Dafür habe die Fachwelt den schönen Begriff Retromanie gefunden, sagte Brad. „Vereinfacht für dich: Damit dein Verstand mit einer miserablen Historie zurechtkommt, baut dein Gehirn die Erinnerung im Lauf der Zeit um.“

„Meinetwegen“, seufzte ich, kapitulierend und völlig ernüchtert.

Künstliche Intelligenz, EmmDee, Arbeitsplätze, Agenturleben. Irgendwann würde ich nur noch das Gute darin sehen.

Ich hatte also noch Hoffnung.


Bis zu 40 Prozent der Antworten einer Künstlichen Intelligenz sind frei erfunden. KI-Tools werden von Menschenhand trainiert mit Texten, die zu diesem Zeitpunkt schon ganz schön alt sein können.

Was Claude & Co. nicht finden, reimen sie sich zusammen, und lassen ihre Nutzer dann ganz schön alt aussehen.

Auch schon etwas älter, aber nicht weniger lesenswert, sind Buddy Müllers bisherige Erlebnisse mit Künstlicher Intelligenz:


Schließe dich 1.597 anderen Abonnenten an

Veröffentlicht von Buddy Müller

Senior Project Supervisor bei der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

Join the Conversation

  1. Avatar von Unbekannt

2 Comments

  1. Lieber Buddy, wieder einmal ein Volltreffer. Mit viel Humor und spitzer Feder zeigst du, wie schnell wir dazu neigen, KI zu vermenschlichen und gleichzeitig zu überschätzen. Besonders Brad MacCloud bringt mit seinen trockenen Kommentaren die Dinge herrlich auf den Punkt. Am Ende bleibt die Erkenntnis: KI ist ein faszinierendes Werkzeug – aber eben kein Mensch. Ein lesenswerter Beitrag mit viel Stoff zum Nachdenken.

    (Dir ist bestimmt nicht entgangen, dass diese Zeilen nicht von mir sind. So steril schreibt nur KI.)

    Meine Meinung dazu klingt eher so: „Köstlich, wenn man sich den Agenturfrust so von der Seele schreiben kann.“

    Oder so ähnlich.

    Liebe Grüße aus Montréal!

    Gefällt 1 Person

  2. Danke für den klugen und zugleich witzigen und unterhaltsamen Artikel. Es braucht dringend eine breite gesellschaftliche Auseinandersetzung und Konzepte zum Umgang mit KI und mit den langfristigen Auswirkungen der Nutzung von KI in der Arbeitswelt. Gestalten statt abwarten und Tee trinken.

    Gefällt 1 Person

Hinterlasse einen Kommentar

Entdecke mehr von Buddy Müller

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen