Agenturmenschen kennen viele Höhen und Tiefen. Meist weitaus mehr Tiefen als Höhen, weswegen sie für den Weg durch die zahllosen Täler der Tränen mit warmen Worten gut gerüstet sind. Den Satz „Schuld sind immer nur die anderen“ können sie auf gefühlt tausend Arten sagen.

Drei aus zehn. Das ist das Verhältnis. Drei aus zehn. Nicht mal ein Drittel, sondern weniger: nur dreißig Prozent. Bei Sport- oder Spielwetten wäre das eine verdammt niedrige Quote, schon gar für einen klaren Favoriten. Der beides zumindest in seiner Selbstsicht ist: klar und Favorit.
Allerdings, es gibt eine Spezies, deren Leben aus diesen 30 Prozent besteht. Deren Antrieb diese geringe Chance ist. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr.
Ein ganzes Agenturleben lang.
Wir Agenturmenschen sind nämlich darauf getrimmt, unsere Arbeit und Ideen in Pitches und Ausschreibungen feilzubieten. Ein Jahrmarkt der Eitelkeiten, der zum Jahrmarkt der Wahrscheinlichkeiten wird.
Eins aus elf mal drei aus zehn
Denn die niedrige Wahrscheinlichkeit, einen Pitch zu gewinnen, sinkt weiter mit der steigenden Anzahl der Teilnehmer. Nicht selten brüsten sich Ausschreibende, also potenzielle Kunden, mit ihrer scheinbaren Fairness, die sich doch allein schon dadurch zeige, dass sie zehn, elf Teilnehmer zur Präsentation einladen würden.
„Eins aus elf mal drei aus zehn: Das macht wie viel, Brad?“, fragte ich mein MacBook Pro, das mich schon durch viele Pitches begleitet hatte.
Brad reagierte träge.
Eine einfache Multiplikation wie diese beleidige ihn geradezu, antwortete der nur für mich hörbare Brad MacCloud vom Clan der MacClouds, weil sie ihn unterfordere. Aber er wolle mal nicht so sein.
„Das Ergebnis ist …“, sagte Brad, „… sehr unwahrscheinlich.“
Denn man müsse mindestens zusätzlich das Sternzeichen, die Vorabendlaune und den Farb- und Kleidungsgeschmack des bzw. der Ausschreibenden in der Rechnung berücksichtigen.
Wir Agenturmenschen sollten uns prinzipiell auf eine Niederlage besser vorbereiten als auf einen Sieg. Insbesondere, wenn wir diese vor unserer Geschäftsführung zu vertreten hätten.
Brad MacCloud lieferte mir damit eine Idee, die sofort zündete: Ich stellte umgehend eine „Pitch Excuses Squad“ auf, bestehend aus meinen besten Mitarbeitenden, deren Aufgabe sein sollte, ihre gewonnenen Erkenntnisse in verlorenen Wettbewerben dem Nutzen Dritter zur Verfügung zu stellen.
Vierzig Erklärungen
Unsere akribische Arbeit brachte schließlich die absolut geschäftsführungssichere Aufstellung aller Antworten auf alle Möglichkeiten und Unmöglichkeiten hervor, warum ein Pitch eben nicht zum in vielen Stunden der Nachtarbeit herbei gehofften Erfolg führte.
- Wir sind zu gut für diese Welt. Auf alle Fälle zu gut für diesen Kunden.
- Der Kunde braucht Sklaven, keine Beratung.
- Da gibt man dem Kunden Augenhöhe und starrt maximal auf seine Gürtelschnalle.
- Der Kunde kann keinen starken Partner gebrauchen.
- Wir wollten für den Kunden ein Einhorn züchten, keine Kuh.
- Der Kunde ist noch nicht reif für unsere Lösungen.
- Fähnchen! Die nehmen Fähnchen!
- Schulterblicke sind doch völlig überwertet.
- Compliance-Regeln sind doch völlig überbewertet.
- Die Excel-Tabelle des Kunden war viel zu komplex. Wir mussten sie nur um ein paar Spalten vereinfachen.
- Der Kunde hat unsere Excel-Kalkulation nicht verstanden. Dabei haben wir die 27 Spalten detailliert erklärt.
- Der Kunde wollte eine Strategie, hat aber eine Kampagne gebrieft.
- Der Kunde wollte eine Kampagne, hat aber null Strategie.
- Als wir die Strategie präsentiert hatten, war die KI schon in der Umsetzung.
- Die KI kann unseren Job nicht. Aber sie macht ihn.
- Das Briefing hatte zu viele Details, die uns auf eine falsche Fährte führten.
- Dem Briefing fehlten Details, die wir zum Gewinnen gebraucht hätten.
- Der Etathalter kannte mehr Details als wir. Darum hat er wieder gewonnen.
- Der Etathalter stand schon vorher als Sieger fest.
- Der Einkauf hat das Pitchen dem Marketing vorgeschrieben – aber die wollten gar nicht.
- Von wegen Evolution, wir hatten einen Umsturz geplant!
- Wir waren einfach zu brav.
- Krawatten. Das nächste Mal mit Krawatten.
- Unsere Juniors (m/w/d) waren das Hübscheste, was wir vorzeigen konnten. Nur präsentieren müssen sie üben.
- Wir hätten unseren Geschäftsführer dabeihaben sollen.
- Unser Geschäftsführer ist überzeugend. Der Kunde fragte uns aber, ob der das Konzept schon mal gesehen habe.
- Das Budget war so niedrig angesetzt, da konnten wir nichts Besseres anbieten.
- Wir waren einfach zu teuer.
- Wir waren einfach zu billig.
- Der Kunde glaubt, mit Geld kann er sich alles kaufen. Aber uns nicht!
- Kein Pitch-Honorar. Das sagt schon alles: Der Kunde wollte nur für lau Konzepte sammeln.
- Nur eine Woche Vorbereitung auf den Pitch war nicht ausreichend.
- Wir waren nur einen Tag über der Abgabefrist. Einen einzigen Tag!
- Der Wettbewerb war schneller. Wir waren gründlicher.
- Wenn wir das Wochenende noch gehabt hätten, hätten wir gewonnen!
- Bei uns im Büro hat die Präsentation noch einwandfrei funktioniert.
- Das nächste Mal nehmen wir Präsentationsrechner mit vollen Akkus mit.
- Wenn wir gewonnen hätten, hätte uns die Zusammenarbeit wirklich Spaß gemacht?
- Wir haben schon wichtigere Ausschreibungen verloren.
- Ein Pitch ist wie eine Europameisterschaft: Wer so kämpft, darf auch scheitern.
Nächstes Mal wird alles anders
So saßen wir also zusammen, in unserer „Pitch Excuses Squad“: Lila Stiefelchen, die blonde, blitzgescheite Praktikantin aus der Controlling-Abteilung; Qwertz, mein Lieblings-Teamlead; der Art Diktator und seine Art Diktatorin; die Volontäre Lang und Länger, von denen der eine bei verlorenen Pitches ein langes Klagelied anstimmte und der andere ein noch längeres.
Still und nachdenklich betrachteten wir unsere Sammlung an entschuldigenden Erklärungen, an treffenden Ein-Satz-Analysen, an mit Begründungen aufgebauschter Bußfertigkeit.
Uns war klar, dass wir beim nächsten Pitch alles anders machen würden.
Alles.
„Alles.“, sagte Brad MacCloud. „Schon klar. Ich erinnere Dich, wenn es so weit ist.“
Da schwang die Glastür zu unserem Aquarium auf, schlug krachend und vibrierend gegen die Wand.
Der EmmDee stürmte herein, die Gesichtsfarbe seinem korallenroten Einstecktuch nicht unähnlich, und Fluchsalven abfeuernd, die seine hinter ihm hereilende, prohibitiv veranlagte Assistentin Dr. No nur durch ein energisches „NEIN!“ zu stoppen vermochte.
Der EmmDee ließ sich in einen unserer Eames Chairs fallen, ächzte wie das Holz der Stuhlbeine unter ihm, holte tief Luft und wütete dann den Grund seiner Erregung hinaus.
Die neue Marketingchefin des weltweit führendsten Herstellers von Vorschubhebelumlegern Deutschlands habe ihn angerufen. Unser Pitch um die große, unfassbar umfassende, integrierende und 360-Grad-auspielende Kommunikation, sei verloren.
Aus und vorbei, das habe sie ohne großes Herumgerede erklärt. Und ihm dann die endgültigste aller Begründungen geliefert, die er uns keinesfalls vorenthalten wolle, im Gegenteil, die wir uns hinter die Ohren zu schreiben hätten, dick, ganz dick, für alle Pitches, in alle Ewigkeit.
Dann sprach der EmmDee ganz beherrscht weiter, gefährlich beherrscht, fünf Worte, nur fünf, die in ihrer Gesamtheit allerdings mehr Gravitas entwickelten als unsere groß angelegte Sammlung.
„Die anderen“, sagte er, „waren einfach besser.“
Von einem Mann mit Vierzig sagt man, er sei im besten Alter. Gilt das auch für eine Agentursatire, die seit 40 Folgen eine zur allgemeinen Überraschung immer noch steigende Zahl an Lesern in die absurde Welt des Agenturlebens entführt?
Eine Welt, die so absurd ist wie manche Absagen bei Ausschreibungen. Lasst gerne Eure Erfahrungen in den Kommentaren hier.
Ach, der Urlaub – diese wunderbare Zeit, in der man sich endlich mal von den alltäglichen Wahrscheinlichkeitsrechnungen des Lebens erholen kann… und doch, hier sitze ich, sonnengebräunt und mit einem Cocktail in der Hand, und kann nicht anders, als einen Kommentar zu diesem herrlich zynischen Beitrag zu schreiben. Ja, selbst am Strand lässt mich die scharfsinnige Realität deiner Texte nicht los.
Drei aus zehn, eins aus elf – ich habe schon schlechtere Chancen gehabt, etwa als ich versuchte, auf dem Basar von Marrakesch einen fairen Preis zu bekommen. Aber genug der Parallelen, die das Leben so wunderbar deprimierend machen.
Ich muss zugeben, die Idee einer „Pitch Excuses Squad“ ist brillant. Ich sehe schon die zukünftigen Meetings vor mir: Eine Truppe von Kreativen, die ihre verlorenen Pitches feiern wie Veteranen, die ihre Kriegsgeschichten austauschen. „Erinnerst du dich an den Kunden, der Einhörner statt Kühe wollte? Ach ja, das waren noch Zeiten…“ Und dann der Höhepunkt: „Die anderen waren einfach besser.“ Ein Satz, der mehr weh tut als ein Sonnenbrand auf dem Bauch.
Doch trotz all der bitteren Wahrheiten und der unermüdlichen Sinnsuche bleibt uns eines gewiss: Wir sind die Meister der Rechtfertigungen, die Pioniere der Ausreden. Das nächste Mal wird alles anders, versprochen. Aber wahrscheinlich nicht.
In diesem Sinne, hoch die Tassen auf diese zynischen Einblicke in das Agenturleben! Prost und herzliche Grüße aus dem Urlaub,
Thomas
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Lieber Thomas,
U… U… Urlaub? Was ist das? Ich kann mich nur noch dunkel daran erinnern. Das Wort stand auf ausgedruckten Formularen, mit denen wir von der Pitcharbeit übernächtigt zum EmmDee gewackelt sind, nur damit er uns den Urlaub nicht genehmigte.
Aber gut, ist lange her. Heute darf ich nicht genehmigen.
Herzlichen Dank, dass Du Dir in Deiner freien Zeit meine jüngste Episode angetan hast – mit der richtigen Begleitung, mit einem Cocktail. Hoffentlich mit derer zwei. Müssen gute Cocktails gewesen sein, dass ein Profi wie Du, ein Master des demaskierten Desasters, an meinen hingezitterten Zeilen so großen Gefallen findest. Einhörner, Kühe, klares Urteil wie Sonnenbrand am Bauch (oder wo auch immer, ich wüsste noch andere Stellen) – Du bringst es auf den Punkt. Ich würde einige Kolleg*innen für den Veteranen-Club nominieren, inklusive unseres EmmDees, der nach ein paar Gläsern Lugana (seine bevorzugte Weinsorte zum Warmtrinken) noch ganz andere Niederlagen zu schildern weiß … Wie sagt man bei Euch im Radio? Stay tuned, oder?
Beste Grüße aus der Sonne in die Sonne
Buddy
PS: Für ein Cocktailrezept würde ich Dich gerne auf #folge33 #LicenceToChill (https://agentursatire.blog/2023/08/20/folge33-licencetochill/) verweisen. Dort findest Du im Nachtreter den Problemforgetter. Hilft nicht nur im Urlaub, sondern immer, jedweden Unbill und jede Malaise zu vergessen.
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Hallo lieber Buddy!
Jetzt weiß ich, warum der EmmDee der Chef ist: der Satz: „die anderen waren einfach besser..“ ist in seiner Einfachheit nicht zu überbieten und umfasst alle eure mit viel Liebe zum Detail ausgearbeiteten Ausreden vollumfänglich.
Er sieht auch das scheitern global und seziert nicht auf belanglose Details herunter – wichtig, wenn man das große Ganze nicht aus dem Blick verlieren möchte, denn wen interessiert eine zu große oder zu kleine Excel-Tabelle, ob man eine Krawatte umhat oder die weibliche Junior-Repräsentantin das schärfste Gerät ist, was jemals den Planet Erde betreten hat?
Das aufarbeiten seines eigenen Versagens kann natürlich helfen in Zukunft (falls es die in der Agentur nach dieser erbärmlichen Niederlage noch gibt) kann helfen diesen Fehler nicht nochmals zu machen – in Form einer Ausrede verleitet dies aber schwache Charaktäre dazu, dieses Scheiternverharmlosungstool immer öfters und irgendwann nur noch ausschließlich zu nutzen und sich in der bequemen Hängematte der Mittelmäßigkeit auszuruhen.
„Verlierer haben Ausreden – Gewinner haben Pokale“ – so könnte mein Zitat als Rat aussehen. Sehe auch Du das scheitern als das was es ist: als Ansporn es beim nächsten Mal besser zu machen. Dann brauchst Du auch keine Ausreden mehr..
Und jetzt Krawatte umgebunden und das ganze nochmal vorgetragen – aber dalli!!..
liebe Grüße aus dem Ausredenerprobten Ruhrpott!
P.
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Lieber Dr. Nerd,
es freut mich, doch, es freut mich wirklich, dass nun wenigstens einer weiß, warum unser EmmDee der Chef ist. Nämlich Du. Bitte sag es nicht weiter, zumindest ihm nicht, aber die gesamte Agentur fragt sich das regelmäßig – die Regelmäßigkeit wird bestimmt durch die Termine unserer Jour fixes mit ihm …
Aber gut, Du machst den Punkt: Sein Satz, dass die anderen einfach besser waren, mit dem er die Beinahe-Kundin zitiert, fasst alles vorher Gesagte zusammen. Ich glaube, das ist die Pointe. Um es noch weiter auf die Spitze zu treiben – auch er hat seine Krawatte herausgesucht, er will sich persönlich um das Präsentationstraining der Volontäre, Juniors und anderer scharfer Geräte kümmern, und künftig bei jedem einzelnen Pitch inkl. sämtlicher Vorbereitungsrunden dabei sein.
Ich fürchte, Du wirst davon hier lesen.
Ich fürchte aber auch, dass „drei aus zehn“ ein Naturgesetz ist, weniger eine leicht zu beeinflussende Wahrscheinlichkeitsrechnung. Zur Not bemühen wir noch Einstein: „Der liebe Gott würfelt nicht.“ Einstein zieht relativ immer.
Take care, wir lesen uns
Dein Buddy
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