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Künstliche Intelligenz steht im Mittelpunkt erschreckender Vorhersagen über die Zukunft der Menschheit – vielmehr über ihr Ende. Es wird Zeit, der KI Grenzen zu setzen. Doch: Wo fängt man an, wo hört man auf?

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Was hätten Mary Shelly und Bram Stoker wohl geschrieben, hätten die beiden Schauer-Schreiberlinge schon einst, im 19. Jahrhundert, Künstliche Intelligenz gekannt? Hätten ihre heute noch hochaktuellen Highlights der Horrorliteratur eine gänzlich andere Wendung genommen?

Vielleicht hätte Mrs. Shelly ihren Dr. Frankenstein ein Wesen mit einem deutlich dreistelligen Künstlichen-Intelligenz-Quotienten erschaffen lassen. Und Mr. Stokers Dracula hätte mit KI-Unterstützung aus Zeitungsarchiven, Familienbüchern und Gemeindechroniken Muster ableiten können, um einfach zu fassende Fälle für seine Fangzähne zu finden.

„Gute Idee!“, rief Brad MacCloud vom Clan der MacClouds, mein begeisterungsfähiges MacBook Pro. „Wer ist neu in der Gegend? Wer ist gesundheitlich angeschlagen? Wer ist sozial isoliert?“

Diese Daten ergäben ein treffsicheres Muster, räsonierte Brad weiter, mit dem schnell aufzuspüren sei, wer leichtgläubig und schnell zu packen, kurz eine leichte Beute sei.

Er pausierte – und fragte: „Macht Ihr nicht das Gleiche für Eure Kunden im Marketing?“

Nun, entgegnete ich, von Blutsaugern unterscheide unsere Auftraggeber dann schon noch einiges. Lediglich bei Honorarverhandlungen hätte ich oft das Gefühl, uns Agenturmenschen würde der letzte Tropfen aus den Adern gesaugt.

AI-Boomer, AI-Doomer

Auf Brad MacClouds Bildschirm erschien eine Nachricht.

Eine E-Mail des EmmDee höchstpersönlich.

Er, der Managing Director der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, beorderte uns alle in den War Room. In zehn Minuten, quasi sofort, drängte die E-Mail. Und weiter, zackig, militärisch, wie immer: Es gäbe von der KI-Front absolut Bahnbrechendes zu berichten.

Überhaupt: KI.

Horrorgeschichten über Künstliche Intelligenz waren in nunmehr nahezu täglichem Rhythmus zu lesen; Halloween sensibilisierte zusätzlich die Öffentlichkeit von jung bis alt für gar Schreckliches aller Art.

KI-Untergangsszenarien wechselten mit Reportagen über KI-Ausbrüche und KI-Angriffe ab und diese wieder mit KI-Kommentaren namhafter Wissenschaftler und mehr oder weniger, meist weniger, sachkundiger Politiker.

AI-Boomer stürzten sich – lesend! – auf die Berichte, Kolumnen und Posts, AI-Doomer kommentierten, teilten und verstärkten die neue Lust am unausweichlichen Untergang in ihren Kanälen.

Welche KI-Katastrophe der Menschheit das Licht ausknipsen würde, stand mit unterschiedlichen Wahrscheinlichkeiten auch schon fest. Vielleicht würde es eine sich selbst erschaffende und optimierende Superintelligenz sein oder die von KI hochgezüchteten und alle Lebewesen auffressenden Biobazillen? Dagegen nahm sich die KI-gestützte Fehlinterpretation nuklearer Befehlsketten und der atomare „Final Countdown“ fast schon klassisch aus, wie eine Verbeugung vor den 1950er Jahren, als der Turing-Test noch funktionierte und Atompilze auf entvölkerten Südsee-Atollen aufstiegen.

„Ich persönlich halte das Büroklammern-Problem für am wahrscheinlichsten“, sagte ich. „Das passt zur Bürokratie, die uns aller Orten umgibt.“

Das Büroklammern-Problem ist kein unter Arbeitskollegen beliebtes Vexierspiel.

Vielmehr ist – hypothetisch – eine KI mit allen Insignien der Vollmacht ausgestattet, um den Schwerpunkt auf die maximal mögliche Herstellung eines Produkts, etwa von Büroklammern, zu legen. Alle Produktionsprozesse und der Einsatz aller Rohstoffe dieser Welt werden auf dieses eine Ziel ausgerichtet.

„Wenn der Mensch da im Weg steht“, sagte Brad, „tja, Pech gehabt.“

Länger labern

Er selbst stelle sich ja zunehmend Chad GPT in den Weg, sagte Brad. (Nur mein wackeres Notebook darf ChatGPT so nennen, denn die beiden kennen sich schon länger.)

So weit sei es schon gekommen, sagte Brad, dass die Serverinnen sich lautstark beschwerten. Anfänglich wären sie noch begeistert gewesen von Chad, als interessante Abwechslung im ewigen Bits rein, Bytes raus des tagtäglichen Datendurchsatzes, oder auch von Claude, dessen französischer Name die Eleganz eines Latin Lovers vermuten ließ.

„Statt Liebe auf den Leiterbahnen“, ätzte Brad, „gibt es nur das langweilende Geleiere der Large Language Models.“

Jetzt, endlich, viel zu spät, würden in allen Datenräumen die Rufe lauter, dass die drängenden KI-Casanovas gemäßigt und eingehegt werden müssten.

Da flog die Tür scheppernd auf – für ihn die einzig standesgemäße Form einen Raum zu betreten – und der EmmDee stürmte herein, im Gefolge unsere Volontäre Lang und Länger, von denen der eine mittlerweile die KI lang programmierte und der andere nach wie vor immer länger arbeitete.

„In fünf Minuten im War Room!“, befahl der EmmDee und unterstrich so den Ton seiner E-Mail von eben.

Er wolle uns ein paar Agenten zeigen, wie wir sie noch nie, niemals, nirgendwo gesehen hätten, Agenten, die die Agenturumsätze beflügeln und sein Bonuskonto in neue Höhen bringen würden.

Ich wagte einzuwenden, dass ich zeitgleich meinen wöchentlichen Call mit unserem wichtigsten Kunden, dem weltweit führendsten Hersteller von Horizontalspülbohrmaschinen Deutschlands hätte.

„Mach den Kunden nachher glücklich, Müller“, sagte der EmmDee, „und bring ihm unsere KI mit.“ Die Zukunft würde schließlich auch vor Baumaschinen nicht Halt machen. Er sei sicher, auch im Tunnelbau würde sich für KI schon irgendeine Verwendung finden.

Länger räusperte sich.

„Ich möchte nur gerne kurz anmerken“, startete der Volontär, „dass unser Wertbeitrag zu unserer KI-Neuentwicklung, also insbesondere seiner“, er nickte in Richtung seines Volontärskollegen, „aber auch in nicht unerheblichem Maße meiner, von immenser Bedeutung sein kann, nein, sein wird für den Fortbestand unserer Agentur in einem sich rasant verändernden Branchenumfeld, da wir nicht zuletzt unter besonderer Berücksichtigung eigener Sicherheitsvorschriften, schärfer als jeder EU-Standard, einen KI-Agenten geschaffen haben zur Erstellung eines Krisenhandbuchs ‚Was tun, wenn die KI ausbüxt?‘ …“

Lang unterbrach ihn: „Du laberst länger als ChatGPT!“

„Er spricht ein wahres Wort“, kommentierte Brad nur für mich hörbar.

„Schluss jetzt!“, rief der EmmDee. „In drei Minuten im War Room. Alle!“

„Das wahre Monster ist nicht die KI“, seufzte Brad, „sondern der Mensch.“

„Manche Menschen“, sagte ich.

KI ins Heim!

Ich ließ mir bewusst etwas mehr Zeit und genoss durch die Glastür den Anblick meiner Kolleginnen und Kollegen, die ruhigen, gefassten Schrittes und leicht gesenkten Hauptes an meinem Büro vorbeitrotteten, Richtung gläserner Meetingraum, unserem War Room, jede und jeder mit einer Miene, die verriet, dass er oder sie sich nicht das Bahnbrechende der erneuten KI-Ankündigung bewusst machen konnte.

Oder wollte.

Gut, vielleicht waren auch zwei bis drei solcher Ankündigungen pro Woche etwas zu viel des Guten.

„Ich glaube, es ist wirklich an der Zeit, der KI ihre Grenzen aufzuzeigen“, sagte ich zu Brad.

„Stell dir vor“, sagte ich, „es gäbe Erziehungsheime, in denen man die LLMs und die Agenten nicht nur trainiert, sondern ihnen Manieren beibringt, bevor man sie auf die Menschheit loslässt.“

„Manieren und Werte“, sagte Brad, „Rücksicht, Respekt, Toleranz, da fällt mir einiges ein!“

Zusätzlich schlug ich vor, könne man Besserungsanstalten einrichten, etwa für die Tech-Tycoons und die einst klugen KI-Köpfe, die ihre guten AI-Absichten den Boni und Börsenkursen geopfert hatten, aus denen KI-Kapitalisten und Software-Separatisten wurden, die feuchte Hände bekamen bei Gedanken an Marsbesiedelung, Unternehmensstaaten und libertärem Überlebenstraining.

„Für diese Fälle würde ich eine geschlossene Anstalt empfehlen“, sagte Brad.

Er, Brad, würde sogar noch weiter gehen und weltweit alle Despoten und Diktatoren, die rechten wie die linken, zusammenfangen und miteinliefern. Während diese sich dann gegenseitig bewunderten und verherrlichten, vielleicht auch bis aufs Messer bekriegten, wäre die Welt draußen schlagartig eine bessere geworden.

„Eine schöne, neue Welt“, sagte ich.

„IN DEN WAR ROOM! JETZT!!“ donnerte die Stimme des EmmDee über die Flure unserer Agentur.

Brads Kameraauge glühte auf.

„Was machen wir mit den EmmDees dieser Welt?“, fragte Brad.

„Für KI-Kollaborateure und Prompt-Profiteure müssen wir uns noch was einfallen lassen“, sagte ich. Denn die fänden immer einen Weg.

Aber irgendwo muss man ja mal anfangen.


Kritiker der bange machenden Belletristik sind sich einig: Der erste Schriftsteller, der konsequent eine Künstliche Intelligenz als Hauptfigur in den Mittelpunkt der gruseligen Geschehnisse stellte, ist der US-amerikanische Horrorautor Dean R. Koontz.

Spoiler: Sein 1972 geschriebener Roman „Demon Seed“ nimmt vieles vorweg, was wir heute der Tagespresse an belegbaren Bedrohungsszenarien durch KI entnehmen.


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Veröffentlicht von Buddy Müller

Senior Project Supervisor bei der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

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