#folge12 #DieFaxgerätin

Von wegen ausgedient: Buddy Müller will sich nicht von historischer Hardware trennen. Das ist richtungsweisend für sein neuestes Projekt.

Für Buddy Müllers aktuellstes Projekt wird ein Faxgerät zur rettenden Technologie.

Unverständnis, ganz großes Unverständnis, habe ich empfunden. Unlängst las ich die „Meldung des Tages“: Der Ältestenrat habe beschlossen, dass alle Faxgeräte aus dem Deutschen Bundestag fliegen. Nun gehe ich davon aus, dass gerade der Ältestenrat genügend Erfahrung mit dieser bewährten Technik hat, um sich nicht von ihr zu trennen.

Freunde historischer Hardware wie mich trifft es hart: 900 Faxgeräte, herrenlos, allein, ausgesetzt, dem Schicksal des Ausschlachtens überlassen!

„Nicht nur Dich trifft es“, sagte Brad MacCloud vom Clan der MacCloud, mein Macbook Pro. „Ich leide mit meinen Schwestern und Brüdern, auch wenn sie aus einer längst vergangenen Ära der Kommunikation stammen.“

So mitfühlend erlebte ich mein Macbook selten. Und war dann einmal mehr froh, dass nur ich ihn hören konnte.

„Vor allem mit den Schwestern“, sagte Brad.

Die Strategie, das bin ich!

Ich wollte ihn auf seine nicht Compliance konformen Gedanken hinweisen, da meldete sich per Telefon – auch das ein Gerätetyp, bei dem ich mich frage, ob er nicht bald den Faxgeräten folgen würde – einer unserer neuen Kunden, sogar der Chef persönlich. Als weltmarktführendster Hersteller Deutschlands von Senfeinspritzpumpen hatte er sich höchstpersönlich für die weltmarkführendste Content-Marketing-Agentur Deutschlands entschieden.

Also für uns.

Und damit hatte ich, Buddy Müller, Senior Project Supervisor, das Vergnügen. Soweit man von Vergnügen sprechen konnte. Denn schon während der Bekanntgabe unseres Pitchgewinnes zeigte sich, in welche Richtung es laufen würde.

„Müller“, hatte der Senfeinspritzpumpen-Chef damals gesagt, „Glückwunsch, Sie dürfen für mich eine Kommunikationsstrategie entwickeln.“

In der Ausschreibung hatte noch „Content-Strategie“ gestanden, inklusive Themenarchitektur, Plattformeinführung und einigen Arbeitspaketen, zu denen mehrere Medien, Formate und Kanäle zählten.

Ich kam gerade noch zum Gruße, da schnitt der Senfeinspritzpumpen-Chef mir schon das Wort ab: „Müller, das machen wir jetzt ganz einfach: Die Strategie bin ohnehin ich.“

Er wünsche sich von einer Agentur einen pragmatischen Angang – also volle Konzentration auf ein Kundenmagazin.

Seither rief er mich jeden Tag mindestens eine Stunde lang an, und bereicherte meine Erfahrung durch beispiellose Führung, sowohl menschlich wie fachlich wie kommunikativ. Hinter Sätzen wie „Der Gründer, das bin ich!“, „Der Vertrieb, das bin ich!“, „Die Kommunikation, das bin ich!“ oder „Das Magazin, das bin ich!“ lernte ich den wahren Menschen kennen.

Nämlich einen schwer narzisstischen Unternehmensgründer, der seine soziopathische Grundeinstellung gut hinter nutzwertabhängiger Empathie, brillanter Rhetorik und sprunghaftem Ideenreichtum versteckte.

Kurz: Mein eigener Boss, der EmmDee, kam hervorragend mit ihm aus.

Zwei Sätze, zwei Augen

Als also das Telefon klingelte und ich liebend gerne mit Brad MacCloud über die alten Faxgeräte diskutiert hätte …

„So spricht man nicht von ehrwürdiger Technik, die ihre Pflicht und Schuldigkeit getan hat“, sagte Brad. „Vor allem die Faxgerätinnen.“

… ging ich dann doch bereitwillig ran, einmal noch tief seufzend.

„Müller“, eröffnete der Senfeinspritzpumpen-Chef, was sollte er mich auch groß grüßen, er kannte mich ja schon.

„Müller, nur so als Idee fürs Magazin: Wir erzählen eine Geschichte in zwei Sätzen, auf einem großen Foto, nur Augen und zwei Sätze“, legte er los. „Wir revolutionieren das Storytelling. Vielleicht braucht man das Foto auch gar nicht, nur zwei Sätze …“

Ich versuchte in Atempausen Gegenargumente anzubringen, etwa, dass echtes Storytelling schon mehr Struktur bräuchte, dass von Homer über Shakespeare bis zu den Film- und Theatergrößen unserer Tage vieles an Lang- und Kurzformen geschaffen wurde, dass Drei- und Fünfakter gut mit der Heldenreise kombiniert werden können, doch der Held am anderen Ende der Leitung ließ sich nicht davon beeindrucken.

Vielmehr schlug er wie mit einem Lang- und Kurzschwert Breschen in die erst am Tag davor verabschiedete Magazinstruktur, reduzierte die geplanten 72 Seiten auf kompakte 32 und schloss ab mit: „Die Struktur, das bin ich!“

Ich brauchte Abstand. Dringend.

Nur so würde das Projekt vielleicht doch noch ein Erfolg.

Ziemlich wirklich wichtig

Meine Laune erreichte zunächst einen weiteren Tiefpunkt, als unser IT-Manager, offenbar inspiriert vom Ältestenrat, in einer Chatnachricht die Agentur fragte, wer denn noch das Faxgerät nutzen würde, das – funktionsbereit und angeschlossen – neben den Leergutkästen stünde.

Brads grünes Kameraauge glühte mich durchdringend an, aber ich hatte schon verstanden.

Nein, natürlich konnte ich nicht auf das ziemlich wirklich wichtige, alte ehrwürdige Fax verzichten. Ich schrieb zurück, dass es ein essenzieller Bestandteil unserer kontinuierlichen Kommunikation mit unseren Auftraggebern sei.

„Wir müssen manchmal den Medienbruch riskieren“, schrieb ich, „wenn wir die Kommunikation aufrechterhalten wollen.“

Und so blieb das Faxgerät, Verzeihung, die Faxgerätin, erst einmal stehen.

„Sehr gute Entscheidung“, lobte Brad. „Die hat noch verstanden zu feiern. Die jungen VoIP-Server, die sind nur am Arbeiten. Rund um die Uhr.“

„Du kannst bald mit ihr das Wiedersehen begehen“, begann ich, „aber vorher bräuchte ich noch Deine Hilfe … und ihre.“

Ich verlangte gar nichts unmenschliches, zumindest nicht aus meiner Sicht – ich wollte nur wissen, ob es vielleicht möglich sei, für einen begrenzten Zeitraum, und seien es nur ein paar Tage, die Rufnummer des Senfeinspritzpumpen-Chefs auf das Faxgerät umzuleiten.

„Falls Du es versuchen möchtest“, sagte ich zu Brad, „wette ich, dass Du es nicht schaffst, auf die Begrüßungsantwort des Fax noch ein paar Dezibel drauf zu legen.“

„Wetten?“, sagte Brad. „Ich hole da noch ganz andere Töne raus.“

Zwei Wochen Ruhe

Nun, es dauerte noch ein paar Tage, bis die Anrufe des Senfeinspritzpumpen-Chefs aufhörten.

Zuerst stieg natürlich die Anruffrequenz – in gleichem Maße auch die des Faxpfeiftons. „Durchdringend“ war eine unzulässige Verharmlosung; „das Trommelfeld zersetzend“ war wohl die treffendere Bezeichnung.

Zwei für mich grundentspannte Wochen später war das Magazinkonzept fertig. Auch die Präsentation (coronakonform natürlich via Teams) vor der versammelten Senfeinspritzpumpenhersteller-Marketingmannschaft lief reibungslos und ohne Störung ab.

Der Chef persönlich wirkte angestrengt und doch unkonzentriert, so als könne er nur noch schwer verstehen, was ich ihm präsentierte. Seine Eitelkeit schien ihm ständiges Nachfragen zu verbieten.

„Die Antworten kann er ohnehin kaum hören“, erklärte mir Brad.

Wenige Tage später meldete sich der IT-Manager wieder bei mir, Buddy Müller, dem Kämpfer für den Erhalt tradierter Technologien.

Ob ich ihm vielleicht erklären könne, fragte er, warum plötzlich so viele Kolleginnen und Kollegen ganze Telefonverzeichnisse auf das Faxgerät umleiten wollten? Bei ihm stapelten sich die Anfragen, so viele, dass er überlege, ob er nicht noch mehr Faxgeräte und Anschlüsse besorgen müsse.

Nun, sagte ich, in Berlin stehen gerade 900 Faxgeräte auf der Straße. Nur so als Anregung.

Ich war sicher, dass noch nie eine alte Technik so beschleunigend auf den Verlauf von Projekten gewirkt hat.


Buddy Müller hat nicht nur eine Sammlung von Faxgeräten, sondern auch von Handys, DECT-Telefonen, Modems, Routern, Taschenrechnern und elektronischen Schreibmaschinen. Er arbeitet in seiner Freizeit an einem virtuellen Rundgang durch sein Kellermuseum.


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Veröffentlicht von Buddy Müller

Senior Project Supervisor bei der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

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3 Kommentare

  1. Das ist echt eine Superidee.. die ganzen unbekannten Rufnummern auf ein Faxgerät umleiten – auf dass den Störern die Trommelfelle bluten.
    Da bin ich ganz bei Dir!
    Da dies immer mehr überhand nimmt mit den doofen ColdCalls könnte man die Faxgeräte ja umbenennen. Vielleicht „Anrufschutzanlag für Telefonstörer“ oder so.
    Hmm.. verkauft sich nicht so gut das Wort,, Abkürzung tut wohl not bei der Bezeichnung.
    Wie wärs mit (An)rufschutz(a)n(l)age für (Te)lefon(st)örer“ oder kurz „Analtest“? Hört sich irgendwie nett an..
    Ich/wir (erzähl Brad nix davon, dem traue ich nicht über den Weg.. aber psst…) sehe mich da schon in der Höhle der Löwen mit einer Riesengeschäftsidee:
    Ich/Wir sammeln die ollen Faxgeräte ein und verkaufen die refurbishten Faxgeräte in Blutrot lackiert und mit einem auf 150 Dezibel aufgepimpten Lautsprecher als Hardwarelösung bei Telefonterror..
    150 Dezis? Das beschert jedem CallCenter Agent erst mal 2 Wochen Tinitus!! DER wird nicht nochmal bei uns anrufen..
    Bei Interesse kurze DN.. 🙂

    Gefällt 1 Person

  2. 😉 Wobei, die Höhle der Löwen wäre tatsächlich stolz auf diese Geschäftsidee. „Kopiertelegraf mit Callbremse“ oder „Anrufschutzanlage gegen Telefonstörer“ – großartig. Lass es uns co-branden mit einem Pharmaunternehmen, dass Blutverdünner wegen Tinitus verkauft. Man muss nicht nur einmal an einer Idee verdienen…

    Gefällt 1 Person

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