#folge13 #SineTempore

Pünktlich im Meeting? Dank Corona ist das kein Einzelfall mehr. Selbst bei Agenturmenschen wie Buddy Müller. Nur der Boss will lieber fühlen statt hören.

Von der Sanduhr bis zur Apple-Watch: Silizium und Pünktlichkeit gehen Hand in Hand.

Die Pünktlichkeit sei eine Tugend der Könige, das hat meine Französischlehrerin einst gepredigt, man müsse sie erlernen: „L’exactitude est la vertu des rois. Il faut l’apprendre.“ Zumindest ist es ihr geglückt, mir eine ewige Lebensweisheit in meine vorabiturellen Sehnsüchte einzuschleusen.

Nur: Warum soll ich jetzt noch, abgehärtet im Auf und Ab des Berufslebens, damit anfangen? Wir Agenturmenschen haben es ohnehin nicht so mit der Tugend.

„Das erledigt die Technik für Dich“, warf Brad MacCloud, mein spitzfindiges MacBook Pro, zwischen meine Gedanken.

„Die Tugend?“, fragte ich.

„Nein. Die Pünktlichkeit“, seufzte Brad – und ich konnte deutlich heraushören, dass er wieder mal glaubte, immer mehr erklären zu müssen als eigentlich notwendig.

Natürlich hatte ein Jahr nahezu ausschließliches Home-Office seine Spuren hinterlassen – an der Haarlänge, der Blässe, bei den Ringen unter den Augen und an den Hüften. Auch waren Kühlschränke ins Arbeitszimmer gewandert, Bürostühle in den Essensbereich.

Aber das frappierendste war: Unsere Meetings begannen pünktlich.

Auf die Minute.

„Sine tempore“, sagte Brad MacCloud.

„Respekt!“, sagte ich. „So viel Lateinkenntnis in einer auf Silizium basierenden Lebensform!“

Rituale des Verzögerns

Im Präcoronicum, vor der Einführung von Microsoft Teams, als wir unsere Meetings noch in persönlicher Präsenz abhielten, gönnten wir uns stets das akademische Viertelstündchen, also cum tempore, bis die Runde sich versammelt hatte. Egal, wie groß sie war.

Mal schnell noch das Briefing für alle ausdrucken, den vergessenen Kuli holen oder sich kurz eine Tasse Kaffee ziehen – wichtige Rituale, mit denen die Ausdrucker, Kulivergesser und Kaffeezieher ihre Bedeutung für die gleich folgende Zusammenkunft unterstrichen.

Insbesondere Kaffeezieher gehen dabei ein Risiko ein. Denn Siebträgermaschinen im Preis eines Kleinwagens haben prinzipiell einen positiven Einfluss, unter anderem auf Kundenbeziehungen. Von Nachteil ist allerdings, dass sie den Kaffeebrühprozess weit ins Meditative transformieren. Die willig Wartenden im Meetingraum können dies als Provokation und nicht als Ego-Bestätigung auffassen.

Einer tat das auf alle Fälle. Unser Boss, der EmmDee.

Der pflegte zwar selbst stets zu spät dran zu sein, um sich dann erst einmal noch seinen in Kobe-Kalbsleder gebundenen Buchkalender zu holen. Wenn er sich schließlich am Kopfende des Besprechungstisches in seinen Freischwinger fallen ließ, nölte er jeden an, der es wagte, nach ihm zu kommen: „Hey, hier sitzen zehn, fünfzehn hochbezahlte Menschen herum und warten! Können wir jetzt endlich anfangen?“

Eine rein rhetorisch gemeinte Nachfrage, der jedoch alle Ausdrucker, Kulivergesser und Kaffeezieher eifrig nickend beipflichteten.

Die Liga der Überpünktlichen

Seit der Einführung der Kollaborations-Software Teams gehörte das gepflegte Zu-spät-Kommen in jenes Reich der Mythen, das gerne als „die guten alten Zeiten“ verbrämt wurde. So gut konnten die gar nicht sein: Microsoft prognostiziert Unternehmen mit Teams bis zu 30 Prozent Steigerung der Effizienz – ich wette, dass wir diesen Wert innerhalb kürzester Zeit übertrafen.

„Ich halte dagegen“, sagte Brad McCloud. „Wenn ich mir eure Chat-Verläufe so ansehe …“

„… dann ist das ein inhaltlich getriebener Austausch.“, unterbrach ich ihn. „Sollten tatsächlich kleinere Verzögerungen vorkommen, holen wir das mit dem pünktlichen Beginn unserer Meetings doppelt und dreifach wieder rein!“

Es hatte sich sogar ziemlich rasch eine „Liga der Überpünktlichen“ herausgebildet: Jene Kolleginnen und Kollegen, die ihre Teams-Fenster schon mindestens drei Minuten vor dem Start öffneten – und damit das Meeting anstießen.

Was in jedem Fall eine direkte Folge der Erfahrungen in der ersten Corona-Welle war. Technik- und Bandbreiten-Check gingen nun Hand in Hand mit ersten Begrüßungen. Ein „Können Sie mich sehen?“ verbarg sich jetzt geschickt im Small Talk.

Das Ende unserer Besprechungen wiederum wurde in der Regel von den Angehörigen der „Liga der Nahtlosen“ eingeleitet.

Dass Meetings nahtlos aneinanderstoßen, gehörte schon immer zur gelebten Tradition, ganz gleich, ob die Besprechungsräume nebeneinander lagen oder zwei Stockwerke voneinander getrennt waren.

Beamen wäre klasse gewesen. Doch Teams machte es nun möglich, ohne „Beam me up, Scotty“, ohne sich in Trillionen molekulare Einzelteile zerlegen und am Zielort wieder zusammensetzen lassen zu müssen, per Knopfdruck an einen anderen Ort, in eine andere Welt reisen zu können.

In ein anderes Abenteuer.

Als „Nahtloser“ hob man die virtuelle Hand, sagte ein „Sorry, bin raus, hab ‘nen harten Anschluss!“ – und, Zack, ging auch schon das Folgemeeting pünktlich los.

„Faszinierend, sagte Brad MacCloud. „So viel Sehnsucht in auf Kohlenstoff basierenden Lebensformen.“ Es sei wohl schon ein Abenteuer, stellte Brad fest, an ein und demselben Tag virtuelle Termine in München, Köln und Berlin zu haben.

Nun ja. Corona. Man wird eben bescheiden in Zeiten wie diesen.

Wer zu spät kommt

Neulich starteten wir einen großen Kick-off mit einem frisch gewonnenen Neukunden – pünktlich, was sonst? Alle waren da, die Vertreter beider Ligen ebenso wie die Vertreter des Kunden, alle zugeschaltet aus ihren Home-Offices.

Nur einer fehlte. Der, der keiner der beiden Ligen angehört. Wahrscheinlich, weil er denkt, er sei eine Liga für sich: unser Boss, der EmmDee.

Der meldete sich eine Viertelstunde nach Start zu Wort.

„Sorry, bin zu spät“, sagte er.

„Der schon wieder!“, zischte Brad mir zu.

„Habe meinen Kalender vergessen“, sagte der EmmDee.

„Papier ist geduldig.“, kommentierte Brad. „Der Kunde nicht.“

„Brieft mich mal schnell.“, forderte der EmmDee. „Wo seid Ihr gerade?“

Brad MacCloud vom Clan der MacClouds sagte nichts. Selten ein gutes Zeichen.

Noch bevor jemand aus unserer Runde antworten konnte, geschah etwas sehr Merkwürdiges.

Das Videobild des EmmDees verschwand und machte jenem lila Fenster Platz, mit dem Teams ankündigt, jemand sei „im Wartebereich“. Eben unser Boss, der EmmDee.

Um schlimmeres zu verhindern, versuchte ich, auf die Schaltfläche „Zulassen“ zu klicken – aber das lila Feld verschob sich wieder und wieder, irrte munter über den ganzen Bildschirm hin und her. Nicht nur ich jagte das lila Rechteck – auch alle meine Kolleginnen und Kollegen versuchten sich daran, die flüchtige Schaltfläche mit dem Mauszeiger zu stellen.

Erfolglos.

„Ihr solltet einfach weiter machen“, schlug Brad vor.

„Brad!!!“, rief ich – alle Augenpaare aus den Videofenstern starrten mich an.

„Das wird nichts mehr heute mit dem EmmDee“, sagte Brad MacCloud vom Clan der MacCloud leise. „Da bin ich mir ganz sicher.“

Eigentlich wollte ich mein MacBook rügen. Doch wann bekam man in Corona-Zeiten schon so klare Aussagen? Also sagte ich ins Mikro: „Sorry. Alles gut. Lasst uns keine Zeit mehr verlieren …“

Ich tippte noch etwas von „seltener Software-Fehler“ in den Chatverlauf mit dem EmmDee und blendete seine ausfallenden Antworten aus.

Und siehe da: Zügig waren die nächsten Schritte definiert, die Aufgaben verteilt, die Meilensteine terminiert. Auch dieser Kick-off endete pünktlich.

Stunden später erlöste Brad unseren immer noch wütend wartenden Boss aus der virtuellen Warteschiene.

„Certains n’apprennent que sur le tas“, pflegte meine Französischlehrerin auch gerne zu sagen, meistens, wenn sie sich Unbelehrbaren gegenübersah. Manche lernen nicht durchs Lernen, sondern nur durchs Machen.

„Dein Boss“, sagte Brad MacCloud zu mir, „ist nun mal ein echter Macher.“


Das Thema Pünktlichkeit zieht sich durch Buddy Müllers Leben – als Senior Project Supervisor ist „in time“ in seinen Genen kodiert. Wahrscheinlich ist dies auf traumatische Erlebnisse nicht nur mit seiner Französischlehrerin zurückzuführen.

Seine Biologielehrerin etwa erklärte höheren Klassen gerne die Vorzüge eines geregelten Stoffwechsels. Mit einprägsamen Worten: „Erziehen Sie Ihren Darm zur Pünktlichkeit“.


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Veröffentlicht von Buddy Müller

Senior Project Supervisor bei der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

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5 Kommentare

  1. Hi Buddy (und auch Grüße an deinen GEKAB (Abkz. für GEtreuen Kybernetischen Assisten u. Begleiter) Brad)..
    Stimmt – das was Du sagst habe ich auch so im harten Büroalltag erlebt – sind ja immer die gleichen wichtigen (oder sollte ich sagen mit erhöhtem Geltungsbedüfnis bestraften Kollegen?) Persönchen des Teams, die unbedingt noch die immens wichtige email an den Kunden fertig schreiben müssen, dem ein Kleinteil von 5 Cent im Karton fehlte. „Pünktlichkeit“ ist der wichtigste Bestandteil bei Video-Konferenzen – Ohne Sie herrscht pure Anarchie. Jawohl! Das muss klar gesagt werden!
    Und Außerdem: man kann ja pünktlich sein und sich trotzdem im Meeting mal auf stumm stellen um sich mal rausch aus der Küche einen neuen Kaffe zu holen – oder am Handy ein Date mit der unverstandenen Frau des Chefs aushandeln. WICHTIG! VORHER WIRKLICH CHECKEN OB DAS MIKRO GEMUTET IST..
    Ich hoffe diese Video-Meetings und Home-Office gehen noch möglichst lange – am liebsten bis zur Rente..
    CU
    Peter

    Gefällt 1 Person

  2. Servus Peter,
    Brad MacCloud grüßt Dich herzlich, er lässt ausrichten, dass er Karl Klammer vermisst, obwohl dieser ja eine Ikone des semibedeutenden Bürosoftwareherstellers aus Seattle ist … Ich glaube, ich werde Brad nicht mehr eines besseren belehren.
    Du hast Recht, Pünktlichkeit ist absolut notwendig, nicht nur in Meetings, sondern vor allem zu Beginn der Mittagspause und des Feierabends. Selbst da schleicht es sich ein, das „ich muss nur noch schnell mal …“, was dann immer zu lange dauert. Und ungesund ist. Die SZ brachte heute auf der Titelseite einen Beitrag „Todesursache: Arbeiten“ – weltweit und pro Jahr sterben 745000 Mitarbeiter, weil sie sich zu viel zumuten.
    Das darf keine Schule machen. Über wen soll ich denn dann noch schreiben?

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