#folge14 #Unddanach?

Corona geht. Das Home-Office bleibt. Oder doch nicht? Wo ist die Freude über das Arbeiten zu Hause hin? Buddy Müller und Kollegen brauchen eine echte Perspektive.

My home is my office. Not my castle. Das Home-Office ist für Buddy Müllers Kollegen ein Ziel reger Planungen.

Perspektive. Perspektive! Perspektiiiiive!! Unbestritten wird „Perspektive“ zum Wort der Pandemie werden. Lange Zeit war ich überzeugt, dass diese Ehre dem Wort „Showstopper“ gebührt, weil wir Agenturmenschen es ebenso häufig wie falsch verwenden, um uns vorzeitig aus einem virtuellen Meeting zu verabschieden – mit der Begründung, in einem anderen virtuellen Meeting gänzlich unabkömmlich zu sein.

Dass „Perspektive“ dem „Showstopper“ den Spitzenplatz streitig macht, hat in erster Linie damit zu tun, dass jeder Lobbyist, jede Verbandschefin, jeder Vereinsvorstand zu jedem Zeitpunkt jeder viralen Welle eine Perspektive forderte.

Ganz gleich, ob sie oder er die Ferienwohnungsvereinigung Ampermoching, den Ovalen-Pizza-Bäckerverein Oberkassel oder die Kinosesselabsauger Neu-Kölln e.V. vertritt. Oder was das Verbandsabkürzungsverzeichnis sonst so hergab: BDI, DEHOGA, HDE, IGM, VDA, VDE, VDI, VDMA usw. usf.

Eine dunkle Bedrohung

Was die Vertreter der Vereinigungen tatsächlich einte, waren nicht die Dauergastkarten in den Talkshows öffentlich-rechtlicher und privater Fernsehsender. Sondern vor allem die Ablehnung jeglicher wissenschaftlich gut begründeter Perspektiven, sofern diese nicht in schnellen und bedingungslosen Öffnungsforderungen mündeten.

Dabei tut Perspektive wirklich Not.

Was sich erneut bemerkbar macht, je schneller sich das Virus zurückzieht und sich die Rückkehr in eine präcoronale Arbeitswelt abzeichnet.

Insbesondere das Home-Office scheint in gleichem Maße, wie die mediale Bedeutung des Corona-Virus schwindet, zur neuen Bedrohung des Abendlandes zu werden.

„Habt Ihr das gehört?“, fragte neulich Qwertz, mein Lieblings-Teamlead, in unsere tägliche virtuelle Kaffeerunde hinein. „Die wollen uns alle wieder zurück in die Büros holen. Alle. Ohne Ausnahme. No more Home-Office. Das trifft uns auch.“

Noch vor einem Jahr hätte eine Frage wie diese – mit ihrem deutlichen Verweis auf eine unbekannte, übermächtige, todsicher verschworene Autorität und die schiere Ausweglosigkeit der machtlosen Arbeitnehmer – große Verunsicherung, wenn nicht sogar einen Aufruf zum spontanen Anschluss an ein Querdenker-Stelldichein ausgelöst.

Doch unsere tagtägliche Kaffeerunde erwies sich einmal mehr als eines der besten und stabilisierendsten Instrumente gegen die pandemische Panik.

„Ich musste noch keine Kollegen durchrechnen“, sagte Lila Stiefelchen, unsere Praktikantin aus der Controlling-Abteilung.

„Ich würde mich freuen, mindesten einen Kollegen noch länger nicht zu sehen“, sagte Lang.

„Was würde ich nicht alles tun, um dich nicht lang ertragen zu müssen“, seufzte Länger.

Lang und Länger, unsere Volontäre, von denen der eine lang und der andere immer länger arbeitete, fühlten sich offensichtlich aufgerufen zu ergänzen.

Dr. No blieb ungerührt. „Nein“, sagte die Assistentin des EmmDee, unseres Bosses. „Haben wir nicht gehört.“

Schweigen an den matten Schirmen.

Und noch mal Schweigen.

„Wie? Nein?“, brach es aus Qwertz schließlich heraus.

Nein, sie habe nichts gehört, erklärte Dr. No in ihrer geduldigen Gereiztheit. Sie würde sich auch nicht an Spekulationen beteiligen und einfach abwarten, bis sich der EmmDee offenbare.

„Der Boss, eine Offenbarung? Das wäre ja das erste Mal.“, zischte Brad MacCloud, mein MacBook, zum Glück nur für mich hörbar.

Nun, ja, an hier und da offenbarten sich bei unserem Boss in erster Linie – Defizite.

Entfremdet und vernachlässigt

Zu irgendeiner Entscheidung würde sich der EmmDee durchringen müssen. Denn kaum ein Tag verging, an dem Institute und Verbände nicht die Welt um mindestens eine weitere Studie zum Niedergang des Home-Office bereicherten.

Tatsächlich wollten mehr als drei Viertel der Arbeitgeber mit aller Macht ihre Schäfchen wieder in ihren Ställen im Unternehmen sehen. Die Beschäftigten seien isoliert; das einzige mit Nachhaltigkeit wäre die Entfremdung vom Arbeitgeber; von der mangelnden ergonomischen Ausrüstung am Arbeitsplatz und dem Home-Office als Karrierebremse ganz zu schweigen.

„Jeder vierte Beschäftigte fühlt sich im Homeoffice durch den Chef nicht ausreichend wahrgenommen. Und noch mehr durch die Kollegen“, berichtete Qwertz. „Das habt ihr sicher gehört!?“

„Wer fragt das?“, wollte Lila Stiefelchen wissen.

„Bei manchen dauert es halt länger, bis man sie bemerkt“, sagte Lang.

„Bei manchen dauert es gaaaanz lang“, sagte Länger.

„Nein“, sagte Dr. No. Die Entfremdung vom Arbeitgeber könne sie nicht bestätigen.

„Nicht wahrgenommen zu werden“, sagte Brad MacCloud, „ist für Qwertz doch eher ein Glücksfall.“

Da hatte Brad recht. Mindestens einmal schon war der Schuss für meinen Lieblings-Teamlead nach hinten losgegangen.

Eine neue Hoffnung

Zum Glück gab es auch Arbeitgeber, die die Zeichen einer neuen Zeit erkannt hatten, etwa den einen Telekommunikationsanbieter, dessen Produkte so wichtig sein wollten wie Sauerstoff. Von den 2500 Mitarbeitenden – auf 37 Stockwerken eines ansehnlichen Towers – sollten nur 100 ins Büro zurückkehren.

Der Rest solle dort arbeiten, wo es für sie oder ihn am produktivsten sei.

„Das habt ihr sicher gehört“, unternahm Qwertz einen erneuten Anlauf. „Im Stadtrat gibt es Bestrebungen, mit einer Verordnung die freiwerdenden Büroflächen in Wohnungen umzuwandeln.“

„Nein“, sagte Dr. No.

Das heißt: Sie wollte es sagen.

Allerdings ist „Wohnung“ für jemanden, der in München lebt, ein noch größerer Trigger als „Shoppingauflagen“ oder „Stammstreckenstörung“.

Dr. No und ihr Nein gingen in einem Stimmengewitter unter.

Die Richtigkeit der Meldung stellten die Kolleginnen und Kollegen zu keiner Zeit in Frage – so sehr begeisterten sie sich unverzüglich für Gestaltungsoptionen. Bereichsübergreifend und nur noch schwer voneinander zu unterscheiden, flogen die Ideen durch den Äther.

Das bisher im Home-Office gelernte, so der allgemeine Tenor, ließe sich perfekt auf die neue Wohnbüroumgebung übertragen. Der Kühlschrank im Arbeitszimmer habe sich schließlich bewährt, ebenso die Schlafcouch direkt daneben, die man zum Mittagsschläfchen, zur Gedankenpause bei Überstunden oder auch des Nachts nutzen konnte, um den schnarchenden Partner auszuquartieren.

Bei manchen traten ohne Zweifel ihre Qualitäten als Innenarchitekten und Wohnpsychologen hervor; sie diskutierten die beruhigende Wirkung von Materialen wie Milchglas oder Treibholz oder ob der Einsatz von Lufthansa-Trolleys als Aktenschränke das Defizit der entfallenden Businessflugtrips ausgleichen könne.

Auch die Kinderbetreuung ließe sich endlich leicht regeln: Per Knopfdruck mit dem Aufzug runter zur Schul- oder zur Kindergarten-Etage – und schon waren Home-Schooling und Corona-konforme Kitas nur mehr noch eine Anekdote in der jüngeren Bildungsgeschichte.

„Es ist wie immer“, sagte Brad MacCloud. „Keiner hat eine Ahnung, aber alle haben viele gr0ße Wünsche.“

Wem wollte man das verübeln? Corona zu Ende und eine neue Wohnung in Sicht – viele würden ihr Glück kaum fassen können.

Auch im Teams-Chat schlugen die Wellen hoch. Viele begannen ihre Claims abzustecken und hielten schriftlich fest, wie viele Quadratmeter auf welchem Stockwerk sie beanspruchen würden.

Dabei fiel mir etwas auf.

Allzu überdeutlich.

Vielleicht lag es daran, dass wir Agenturmenschen uns so sehr an englische Doppelwörter gewöhnt hatten, dass uns ihre Schreibweise egal geworden war. Eher stochastisch wirbelten die Groß- und Kleinschreibung sowie der Bindestrich umher.

Ich schaltete den Teamskanal stumm, lehnte mich zurück und sagte zu Brad: „Ich glaube, wir beginnen erstmal mit den einfachen Dingen. Mit der richtigen Schreibweise …“

„… von Home-Office. Oder Homeoffice“, sagte Brad MacCloud.

Genau. Das wäre zumindest ein Anfang. Besser noch: Das wäre mal eine realistische Perspektive.


Buddy Müller hatte in den anderthalb Jahren Home-Office so viel Zeit mit seinen beiden Kindern wie noch nie in seinem bisherigen Berufsleben.

Er weiß zwar nicht die wild verteilten Trainingszeiten ihres Freizeitsports auswendig. Aber er kennt von beiden die vollständigen Vornamen und er kann sechs von acht Lieblingsgerichten fehlerfrei in Höchstgeschwindigkeit zubereiten.


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Veröffentlicht von Buddy Müller

Senior Project Supervisor bei der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

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2 Kommentare

  1. Homeoffice (aka Home-Office aka mobiles Arbeiten aka Home-Office:in oder so ähnlich – weiteren Verlauf HE abgekürzt) ist natürlich Gift für den „sozialen Kit“ der Mitarbeiter:in (politisch und gendermäßig korrekt: Mitarbeitenden) – denn wenn man sich – wie während Covid-19 geschehen – über ein Jahr nicht sieht (Video-Meetings (aka Videomeetings aka kombinierte Bild-Ton-Übertragung oder so ähnlich) grenze ich mal aus, die meisten Kollegen hatten die Kamera deaktiviert; was ja auch besser ist, wenn man nur im Schlüpper vor der Webcam hockt), merkt man, dass Fernbeziehungen nicht halten. Das Schwätzchen halten im Büro, das gegenseitige Füttern mit dem Frühstücksbrötchen, das Grimassen schneiden hinter dem Rücken des Chefs – all das fehlt und lässt eine einst innige Kollegenliebe verdorren, wie eine Gurke (Gurk:in?) in der Mikrowelle…
    Auch bei uns gibt es Anstrengungen uns wieder aus dem sicheren HE zurück in das Headquarter zu beordern. Ich weiß gar nicht ob dies so einfach möglich ist? Dies verlangt Vorbereitungen und Planung: fährt der Zug überhaupt noch von Dortmund nach Essen? Und wenn ja, was muss man beachten? Was ist die momentane Masken Haute Couture: Normaler Mund-Nasen-Schutz mittels OP-Maske? FFP2-Maske? Ganzkörperkondom?
    Und was gibt es im Quartier zu beachten? Wie begrüßt man sich: innige Umarmung nach der langen Trennung? Oder nur ein flüchtiges und verstohlenes Faust an Faust? Oder nickt man sich einfach nur maskulin und machohaft zu?

    Es gibt mehr offene Fragen als Antworten!

    CU
    Peter

    Gefällt 1 Person

    1. Ich sag immer: Pyjama vor der Kamera ist schon ok – solange ihr ein Sakko darüber tragt.
      Du hast völlig recht, es gibt in dieser Zeit des Übergangs mehr offene Fragen als Antworten. Axel Hacke vergleicht diese Situation in seiner aktuellen Kolumne im SZ Magazin mit der Pubertät, in der vieles ja auch zum ersten Mal passiert, mit durchaus vergleichbarer Unsicherheit und Ungeschicklichkeit. Hacke meint auch, dass das „nicht Können“, weil „nicht Dürfen“, auch die schöne Komponente des „nicht Müssens“ beinhaltet. Manche Kollegen will man einfach nicht wiedersehen. So weit bin ich auch nach meiner Phase, in der ich sie alle vermisste (siehe https://agentursatire.blog/2020/11/03/folge7-wishyouwerehere/).
      Vieles wird also wieder zum ersten Mal passieren, vorausgesetzt, die Delta-Mutante lässt sich einbremsen. Mir persönlich würde das Bussi rechts, Bussi links am allerwenigsten fehlen würde. Das Faust an Faust oder, noch passender zum allgemeinen Geschäftsleben, der Ellbogen-Stoß, wird mit der Zeit, dann immer schneller dem beherzten Händeschütteln weichen und die Grimassen gelten dann nicht mehr dem Chef, sondern der Entrüstung, dass das Desinfektionsmittel schon wieder alle ist.
      (Leider ist das SZ Magazin nicht online frei verfügbar; Vielleicht findet sich aber jemand, der die Ausgabe Nr. 25 vom 25. Juni 2021 hat. Oder ich scanne Dir die Seite ein.)

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