#folge20 #SatzmitX

Buddy Müller vergeht das Weihnachtslächeln: In entbehrungsreichen Pandemie-Zeiten wünscht er sich endlich mehr Einstimmigkeit in Kommunikation und Krisenmanagement.
Eine genervte Bilanz.

Ausge-ixt: Abgesagt, gestrichen und verschoben - das beschreibt das Agenturleben im Kleinen und das Wirtschaftsleben im Großen.

Xmas – was für ein Zauber liegt in diesem Wort. Gut, ein kurzer Zauber, ein gekürzter, so wie alles dieses Jahr zu kurz kommt, denn das Wort ist eine Abkürzung: Das „X“ ist die Schreibweise des griechischen „Chi“, das wiederum der erste Buchstabe des Wortes „Christos“ ist. Dem X blieb es unlängst knapp erspart, Namenspate für eine Corona-Virusvariante zu werden. Vielleicht auch, weil es sich als bedeutungsschwere Abkürzung von den Frühchristen bis zu den globalen Bildungsbürgern heutiger Zeit hielt.

„Bildung wird immer seltener“, meldete sich Brad MacCloud zu Wort, mein scharfzüngiges MacBook Pro. „Zumindest unter euch.“

„Es ist Weihnachtszeit“, sagte ich. „Meinst Du nicht, es ist mal Zeit für etwas Nachsicht?“

„Versuchen wir es lieber mit Weitsicht“, sagte Brad. So schwer seien Exponentialfunktionen schließlich auch nicht zu verstehen.

Alles? Wirklich alles?

Diese Runde ging an mein MacBook Pro. Denn mit Ruhm in der Interpretation der viralen Kurvendiskussion hatten wir uns in der jüngsten Vergangenheit alle nicht bekleckert, nicht im Kleinen, noch im Großen, nicht im Wirtschafts-, noch im Gesellschaftsleben.

Den Verlockungen der Lockerungen folgend und getragen von der Hoffnung auf ein „Raus aus dem Home-Office“ planten wir auf Ansage jede Menge Absagen.

Workshops? Jahresgespräche? Weihnachtsfeiern? In Präsenz?

Satz mit X. War wohl nix.

Herbstfeste? Messen? Weihnachtsmärkte? Mit Besuchern?

Satz mit X. War wohl nix.

Fußballspiele? Vorlesungen? Schulen?

Satz mit … Halt, nein. War wohl eine Ausnahme.

Um so mehr störte mich die häufig in jüngster Zeit gestellte Frage, ob wir alles, wirklich alles, also wirklich, wirklich alles getan haben, als die 4. Welle auf uns zurollte.

Um den Virus einzudämmen.

Um Impfzweifler von der Wichtigkeit der Nadel im Arm zu überzeugen.

Um Coronaleugnern die bittere Realität auf den Intensivstationen vor Augen zu führen.

Um Querdenker vor der Radikalisierung zu bewahren und sie zurück auf den demokratischen Weg zu bringen.

Alles, wirklich alles?

„Satz mit X“, sagte ich.

„War wohl nix“, ergänzte Brad.

Als Senior Project Supervisor der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands, hinterfrage ich natürlich nicht nur den finanziellen Stand unserer Projekte. In der Pandemie zeigten viele unserer Kunden vor allem strategisches Geschick nach innen – die Interne Kommunikation, beauftragt damit, die Belegschaft gesund und motiviert zu halten, erhielt endlich die Bedeutung, die sie schon immer verdient hatte.

„Auch das Budget?“, fragte Brad.

 „Satz mit … na, ja, Du weißt schon.“, sagte ich.

Zerreden als Ziel

Die Penunze blieb knapp. Purpose dagegen gab´s reichlich, und ich bekam Puls, als Agenturmensch, Medienschaffender, Kommunikator, wenn in Talkshows, den Wellen gleich, auf jeden Warner ein Beruhiger folgte, auf jeden Virologen ein Zweifler, auf jeden Politiker ein Publizist. Jede Maßnahme wurde in zwei Stufen kommuniziert – der halbfertigen und der beschlossenen – und in beiden Stufen um des Hinterfragens willen hinterfragt und vor einem Millionenpublikum zerredet.

Nein, wir müssen uns nicht fragen, ob wir alles, wirklich alles getan haben.

Wir müssen uns fragen, ob wir das richtige getan haben.

Wir haben es nicht mal geschafft, dass alle an einem Strang ziehen. Am gleichen Ende.

Doch es gibt Hoffnung: Einer Agentur ist es jüngst gelungen, innerhalb kürzester Zeit weit über tausend Unternehmen zu motivieren, ihre Claims zu ändern, um Haltung zu zeigen – Haltung für das Impfen, Haltung für das Zusammenstehen, für einen gemeinsamen Kampf gegen den Virus. Die Claims, ok, manchmal ein wenig unbeholfen, manchmal schwarzhumorig, manchmal schlichtweg genial.

Doch so beispielgebend kann eine Kampagne nicht sein, dass sich nicht Kritiker zu Wort melden und sich nicht in die Öffentlichkeit der Fachmedien drängeln. Es findet sich immer mindestens einer, der das Haar in der Suppe sucht, am besten gleich ein ganzes Büschel, und mindestens einer, der den Suppenteller ins Schaufenster stellt.

„Es ist Weihnachtszeit“, sagte Brad und klang beschwichtigend. „Meinst Du nicht auch, es ist mal Zeit für etwas Nachsicht?“

„Versuchen wir es doch lieber mit Weitsicht“, sagte ich.

Sonst wird das nix: Satz mit X.


Buddy Müller kämpft seit Jahren darum, dass das Recht von Kolumnisten, auch mal genervt zu sein, als Grundrecht verankert wird.

Übrigens, der Verein Deutsche Sprache wählte X-Mas als „das überflüssigste und nervigste Wort des Jahres 2008 in Deutschland“. Es stehe, so die selbst recht nervige Vereinigung, die sich um die der Verdammnis anheim gegebene deutsche Sprache müht, in Deutschland im Gegensatz zu allem, was man mit Weihnachten verbinde: „Gemütlichkeit, deutsche Weihnachtstraditionen, Romantik, Christlichkeit“.


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Veröffentlicht von Buddy Müller

Senior Project Supervisor bei der weltweit führendsten Content-Marketing-Agentur Deutschlands.

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5 Kommentare

  1. Ja Buddy,

    das mit den X’en ist schon irgendwie komisch. Das Wort X-Mas fand ich schon blöd, als ich es vor etlichen Jahren das erste Mal gesehen habe. Meine Abneigung gegen die verpornosierte Fassung dieses eigentlich nach Zimt und Bratapfel riechenden Wortes „Weihnachten“, hat seitdem nicht nachgelassen (auch wenn zur „auf“richtigen Erwachsenenunterhaltung noch zwei X’e fehlen)..
    („aufrichten“ – haste verstanden den Wortwitz, oder? hüstel, hüstel..)
    Die einzigen positiv vorbelegten X’e sind die X’e auf einem Lottoschein – aber auch nur wenn ich den Jackpott geknackt habe. Was mir wahrscheinlich nie gelingt um aus diesem Haufen voller Bekloppter türmen zu können. Ich würde mir von den Millionen ein One Way Ticket in der Space X kaufen und oben aussteigen.. echt – so weit ist es schon..
    Erstaunlicherweise nennen Sie beim Lotto die X’e aber Kreuze. Nun ist ein Kreuz zwar ein aufgerichtetes X (oder ist ein X ein auf die Seite gefallenes Kreuz?) aber Kreuze findet man besonders häufig auf Friedhöfen. Damit wären wir ja dann auch wieder bei unserem Freund den COVID-19 Virus (Ausführung Delu-X-e – wenn man mal bei Omikron diesen Wortwitz benutzen darf)..
    Ja, als X hat man es echt nicht leid. Das ist so wie das ungeliebte dicke Kind, das man auf dem Spielplatz verleugnet, wenn die scharfe Mutter neben Dir auf der Bank sitzend, dich fragt, welches dein Kackblag ist, das grade in dem mit Hundekacke verziertem Sandkasten spielt und Du gedankenschnell auf ein halbwegs hübsch aussehendes fremdes Kind zeigst und „DAS DA!“ sagst, weil dein eigenes vollgefressenes Ergebnis sinnlicher Fleischeslust dir zum vorzeigen zu peinlich ist..
    Und Weitsicht? In Deutschland? Bei Corona? Hahahahahaha……
    Da muss ich echt lachen…
    Grüße gehen auch raus an den glücklichen Brad. Der hat den großen Vorteil dass er einen Finder hat und keinen E“x“plorer..
    Bleib gesund und lass dir weiter kein U für ein X vormachen.. oder war das umgekehrt?..

    CU
    P.

    Gefällt 1 Person

    1. Lieber Dr. Nerd aka P.,
      Du bist mir schon so ein X-Man. Ohne übernatürliche Kräfte oder Brad MacCloud (schöne Grüße zurück!) zu Hilfe zu nehmen, habe elf Sätze mit x gezählt. Respekt … das toppt meinen Countdown. Wusstest Du, dass TenX ein Startup war, das wegen Wirecard pleite ging? „Nine X“ interessiert Dich wahrscheinlich mehr: Ist eine Marke für Damenunterwäsche (in Übergröße). Dann gibt es gibt acht unterschiedliche Möglichkeiten, ein X zu schreiben (Von Hand! Nicht tippen!). X-Sieben ist ein österreichischer Karrieretrainer (Hätte der Kanzler Kurz den mal besucht), Sixx steht für den Frauensender und die Heimat von Fernsehserien, die schon in den 80er Jahren nicht gut waren. Die X-5 von Bell ist nur Überfliegern bekannt (erstes Schwenkflügelflugzeug der Welt).
      Egal. Ich mache mir jetzt erstmal ein XXXX auf, oder vier, das Bier aus Queensland, Four Ex gesprochen, so lange man nach dem Genuss noch sprechen kann. Das Weihnachtsprogramm habe ich umgestellt auf Xander Cage, die Triple-X-Reihe. Die ich von meinem Double-X-Tisch (Design: Eileen Gray, 1928) aus genieße. Damit sind wir wieder beim einzelnen X, das als Gruß für einen Kuss verwendet wird, oder für, wie Du schon richtig festgestellt hast, einer den Küssen folgenden innigen Vereinigung, gemeinhin als „Sex“ bezeichnet.
      In diesem Sinne ein frohes Fest der Liebe!
      Buddy

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